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Ouro Prêto

22.07.2010 | Bilder0 | Kommentare0 | Brasilien  - Ouro Preto, Minas Gerais
„One of South Americas (colonial) greatest hits, Ouro Prêto, nestled among gorgeous mountain scenery 114km southeast of Belo Horizonte, rises from the lush...

...landscape like a bygone living museum unyielding in its grip on the 18th century” (Lonely Planet, 2010).

Und genau so fühlten wir uns auch: am einzigen Hostel der kleinen Stadt mit insg. 67.000 Einwohnern (wovon scheinbar nur 1/10 tatsächlich existierten, mehr konnten wir in dem lebenden Museumsstädtchen nämlich nicht entdecken) waren gerade noch genug Betten für uns drei Spontanbesucher übrig. Empfangen wurden wir von einer Dame, die uns schwer an unsere Großmütter erinnerte, nur noch einen Tick altertümlicher. Die alte Dame sprach weder Spanisch noch Englisch, wie übrigens JEDER in Brasilien. Ohne Witz, wir sind NIEMANDEM begegnet, der eine der beiden Sprachen auch nur halbwegs sprechen konnte – nicht mal in den Touristeninfos oder Reisebusbüros in Rio oder Sao Paulo! Das allein ließ darauf schließen, wie schlecht die Bildung hinter dem Glanz der hohen Wolkenkratzer in den großen berühmten Städten Brasiliens tatsächlich ist.

Zurück zu unserer „Oma Bruma“. Hostel Bruma, Mitglied des YHA (Jugendherbergsclub), lag mitten auf einem Hügel, von wo aus man die ganze verschlafene Stadt mit ihren insg. über 30 Kirchen überblicken konnte. Oma Bruma trug einen etwas über knielangen dunklen Wollrock, darüber eine lange Strickjacke und hatte auf ihrem zerzausten Kopf eine Wollmütze, die quer nach oben Abstand. Natürlich trug sie dazu eine weiße Schürze und wirbelte zwischen Küche und Rezeption hin und her, immer wieder in schnellem und akzenthaftem Portugiesisch murmelnd. Sie versuchte, uns irgendetwas mitzuteilen, doch sobald Mona ihr auf Spanisch eine Frage stellte oder versuchte, ebenso etwas mitzuteilen, gab Oma Bruma Laute von sich, die sicherlich nichts nettes waren. Nachdem wir mit biegen und brechen und jeder Menge Körpersprache endlich in unserem Zimmer waren, schliefen wir erst mal bis mittags. Wir hatten hierher aus Rio einen Nachtbus genommen und waren daher platt wie sonst was.

Als gegen Mittag die Sonne über dem Tal, indem die Stadt umringt von braungrün bewirtschafteten Hügeln lag, machten wir uns auf den steilen Abgang zum Sightseeing.

Die engen Straßen der UNESCO Weltkulturerbe-Stadt (bereits seit 1980!) war von großen, groben Pflastersteinen übersät, auf denen Kutschen und Autos sich an Menschen vorbeiquetschten und mit Mühe die etlichen Hügel hinauf kletterten. Es war richtig anstrengend, hier entlangzulaufen, aber man kam aus dem Staunen nicht heraus: eine so malerische, kulturell interessante und kolonialistische Stadt habe ich wirklich noch nie gesehen. Ich versuche die ganze Zeit, einen guten Vergleich zu finden, aber der einzige, der mir einfällt, ist der von altertümlichen Filmen, wie beispielsweise „Das Parfüm“: die Stadt, in der die ganzen Jungfrauen und Mägde verschwinden. So sieht es in Ouro Prêto aus. Genau genommen so, wie man sich halt Filme zur Zeit der Hexenverbrennung vorstellt, halt im 18.Jhd, relativ kleine Häuser, eng aneinander gebaut mit kleinen Gässchen dazwischen und alten, in Wollröcken eingepackten Frauen mit Dutt die geflochtene Körbe voll selbstgebackenem, frischen Brot vor sich hertragen. Genau so lief es hier ab!

Insgesamt gibt es an die 36 Kirchen in Ouro Prêto. So genau konnte man uns das nicht sagen, denn es ist sich nicht ganz einig, wie viele der Kirchen noch zu Ouro Prêto zählen und welche bereits zu Mariana, dem Nachbarort. Sicher ist jedoch, dass jede der Kirchen unglaublich schön ist. Einige bedürften zwar eindeutig einer Restaurierung (oder zwei), aber die Kirchen waren in der Regel sehr schön anzusehen (architektonisch) und ragten meist auf Hügeln gebaut über die Straßen und Siedlungen empor. Wir besuchten eine der zahlreichen Kirchen auch von innen. Nur eine, da es uns irgendwie unmoralisch vorkam, mehr als 5 Reales (ca. 2,50€) Eintritt in ein Gotteshaus zu bezahlen. Naja, wir reden hier ja von meiner Lieblingsinstitution, der katholischen Kirche. Wer sonst. Nun gut, lassen wir dieses Thema, ich bin ja immer noch im größten katholischen Land der Welt (gerade in der größten Busstation Südamerikas in Sao Paulo, auf meinen 24Std. Bus nach Paraguay wartend) und sollte jetzt besser nicht mit dem Kirchen-Lästern anfangen :)

Jedenfalls war diese eine Kirche von Innen einfach nur grotesk anzusehen. Sie war derart verziert, verschnörkelt und mit goldenen Elementen geschmückt, dass man richtig erdrückt wurde. Die Kirche heißt „Matriz de NS do Pilar“ und in ihrem Inneren wurden 434kg Silber und Gold verarbeitet. „One of Brazil’s finest showcases of Artwork“ heißt es auf dem Eintrittsticket.. naja, showcase auf jeden Fall, aber was das mit Kunst noch zu tun hat, weiß ich nicht. Überall schauten einen mit Gold verzierte, aus Holz geschnitzte Köpfe an, die an den Wänden hingen, an der Decke, teilweise sogar auf den Boden gemalt wurden. Es war wirklich grotesk und weit von allerlei gutem Geschmack. Eindrucksvoll aber allemal.

Wir schlenderten durch die malerischen Gassen und setzten uns, später am Tag in eines der zahlreichen Schokoladencafés. Es duftete nach Schokoladenfondue und auf der Speisekarte standen ausschließlich schokoladige Genüsslichkeiten. Es war ein Traum! Wieso es so viele schnuckelige kleine, (herz)erwärmende Cafés in dieser kolonialen Stadt gab, weiß ich nicht. Es scheint nicht an Touristen gemangelt zu haben, allerdings war die Stadt auch nicht mit Touristen überrannt. Es war wirklich sensationell gemütlich und schön! Man stellt sich Brasilien wahrlich nicht SO vor.

Am nächsten Tag ging es nach einem weiteren, sehr interessanten Frühstück (man weiß in fremden Ländern nie, was der vermeidliche Brotaufstrich wirklich ist, was sich im Inneren des wie ein normales Brötchen aussehenden Etwas verbirgt und ob das grüne flüssige Zeug im Kanister neben der Milch wirklich Saft ist) ging es dann in eine zweite Runde Sightseeing. Diesmal schlenderten wir durch die Straßen und schauten uns die Kirchen an, die wir am Vortag nicht mehr geschafft hatten. Und damit meine ich, physisch. Denn das Besteigen der etlichen Hügel in der Stadt raubt einem wirklich die Kraft!

Am Ende des Tages besuchten wir den allwöchentlichen Kunsthandelmarkt. Es gab hier allerlei selbstgemachtes der Einwohner, von Schnitzereien über selbstgemachten Schmuck bis hin zu aus Stein gemeißelten Statuen und Tontöpfen. Ich habe endlich – endlich! – einen Mörser gekauft!!! Ich wollte mir immer einen guten Mörser kaufen, weil man damit einfach viel besser Sachen wie Pfeffer mahlen, Knoblauch pressen und Gewürze anmachen kann. Aber keiner hat der Alexa stilistisch gefallen – bis jetzt! Ich habe jetzt einen grau-braunen, handgemachten Steinmörser aus Brasilien! :)

Abgesehen von derartigen Dingen gab es allerdings eine Sache en Masse auf dem niedlichen kleinen Markt: Mineralsteine!!

Ouro Prêto ist voll von natürlichen Mineralien und Metallen, die sich in den hunderten Bergen und Hügeln verstecken. Teilweise finden die Artesanias und Künstler, die hier auf dem Markt ihre Handgemachten Dinge verkaufen, ihre metallischen und mineralischen „Zutaten“ im Bauschutt auf der Straße! Ein Künstler hat mir einen Eimer voll Bauschutt gezeigt, indem es schön golden schimmerte. Als man die Stadt erschaffen hat, war man auf so viel Gold und wertvolle Mineralien gestoßen, dass man nach einiger Zeit nicht mal mehr überrascht war und man den Funden kaum noch Beachtung schenkte – man hatte ja sowieso schon genug.

Und hier schließt sich der Kreis: Ouro Prêto hat derart viele pompöse, mit Gold und anderen wertvollen Metallen und Mineralien verzierte Kirchen, weil die Gegend hier reich an diesem Zeug ist. Die katholische Kirche machte sich dies direkt zu nutzen und baute so viele Kirchen wie nur möglich, um das Gold darin anzuhäufen. Verarbeitet in den Wänden und Gemälden und der Einrichtung der Kirche konnte und würde das wertvolle Gut auch keiner mehr stehlen. Brasilien ist schließlich eines der gläubigsten Länder der Welt! Jaja, die katholische Kirche wieder, mein juter alter Freund. Kotz.

Der nette Verkäufer auf dem Markt erzählte mir dann weiter in laaangsaaamen und deuuuutlichen Portugiesisch, dass es über 3000 verschiedene Mineralien in Ouro Prêto und Umgebung gab und dass Ouro Prêto sowie das benachbarte Mariana über einige Goldminen verfügte, aus denen immer noch Gold geschöpft wurde.

Nach einer halben Stunde, in der ich die verschiedensten Steinchen in den Händen hielt – Mineralien aller Art deren Namen ich direkt wieder vergessen habe – und einer weiteren halben Stunde, in der mir der nette und ambitionierte Herr die gleichen Mineralien in verarbeiteter Form als kleine Elefanten und Schildkröten und Papageien in die Hände drückte, war ich um einiges weiser – und um einiges erschöpfter.

War ich froh, dass ein weiterer 6 Std. Nachtbus auf uns wartete… bis es dann heißen sollte: Bem vindo e Sao Paulo, chicas! :)

Dieser Eintrag wurde in der Kategorie Brasilien erstellt.

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