...zu "bleiben" und nicht auszuwachen und über die günstigste Busverbindung, das angenehmste Guesthouse und die schönste Sehenswürdigkeit nachzudenken... Gedanklich bin ich noch auf reisen und bin schwer am Fotos sortieren und am bloggen - immerhin müssen die Ereignisse der letzten Woche ja noch aufgearbeitet werden.
Die nun wirklich letzte Ausfahrt vor dem Heimflug war die Hauptstadt Peking zusammen mit Brüderchen Fritz. Nach einigen Querelen um die Tickets fanden wir uns schlussendlich tatsächlich auf der Zugstation wieder, zusammen mit ca. 2000 Chinesen. Erschwerend kommt hinzu, das das Ritual des anstellens im chinesischen Kulturkreis vollkommen unbekannt ist. Also wollen immer alle gleichzeitig auf die Rolltreppe, durch die Sicherheitskontrolle und in den Zug, was mitunter zu gewissen praktischen Schwierigkeiten führt... Und hin und wieder auch Menschen, die damit nicht aufgewachsen sind, ein bisschen nervt und dazu verleitet, die eine oder andere Pauschalierung aufzustellen. Z.B. diese: Lernt man Chinesen perönlich kennen, dann sind sie ja meistens nett, aber als Herdentier eine Katastrophe... ;-)
Im Zug sind wir dann mal wieder die Hauptattraktion und beliebtes Glotzobjekt, wir kucken uns lieber die "Landschaft" an und stellen fest, dass die 1000km zwischen Shanghai und Peking vorallem aus mind. 10stöckigen Häusern und mehrspurigen Strassen besteht...
In Peking angekommen finden wir ein feines Guesthouse quasi direkt am Tiananmen Platz und fühlen uns auf Anhieb wohl. Das Personal ist mit freundlich noch harmlos umschrieben, euphorisch bis ekstatisch passt da schon eher. Ausserdem ist das Gebäude mit seinem alten chinesischen Innenhof eine echte Pracht, das Essen schmeckt und der Dorm anständig sauber. Hauptattraktion sind allerdings 4 Babykatzen, die unentwegt durchs Haus streunen und Fritzens Aufmerksamkeit vollständig in Anspruch nehmen. Er nennt die Tierlein natürlich alle um und schon nach 2 Tagen sind die Katzen nur noch als Telefonmann oder Helmut bekannt...
Es gibt natürlich auch noch die eine oder andere Sehenswürdigkeit in Peking, z.B. den vor unserer Haustür gelegene Tiananmenplatz, wobei "sehenswürdig" hier eher zweifelhaft ist. Der Platz des himmlischen Friedens, auf dem 1989 Studentenproteste blutig niedergeschlagen wurden, dient den Chinesen i.e.L. als Mao-Wallfahrtsort und Beweis für die Grösse China. Nüchtern betrachtet gibts hier aber nichts zu sehen, ausser Überwachungskameras, ein paar protzigen Siegesdenkmälern und der berühmt-berüchtigten Maowarze... Wann hängen die den Kerl endlich mal ab???
Die direkt angrenzende verbotene Stadt schenken wir uns an diesem Nachmittag und schauen uns stattdessen das weitläufige und wirklich beeindruckende Arreal der "Temple of Heaven" an. Hier kamen die Kaiser der letzten beiden Dynastien gern zum beten vorbei und natürlich wurde mal wieder an nichts gespart. Alles blitzt und prunkt, die chinesischen Tourgroups fotografieren sich schwindlig. Besonders witzig sind die Entfernungsangaben, die locker mal von knapp 2km zum nächsten Tempel ausgehen. Man liebt das Overstatement ;-)
Am nächsten Morgen steht der Summer Palace auf dem Programm. Dieser prächtige Palast vor den den Toren der Hauptstadt diente den Kaisern als Urlaubsresidenz, allerdings habe man sich wohl mehr dort aufgehalten als irgendwo sonst. Verstehen kann mans, denn die Anlage liegt wirklich höchst idyllisch auf einem kleinen Hügel über dem Kunming-lake mit bester Ausicht auf die Pekinger Skyline ;-). Wieder mal ist das ganze Arreal Chinaidylle pur, überall kleine und grosse Pavillons, Palästchen, Prachtstrassen, Denkmäler und gigantische Gartenanlagen. Wir lustwandeln ein wenig und finden sogar 2 Geocaches. Ab und an werden wir zum Fototermin mit Chinesen bestellt, also alles wie immer ;-)
Hinterher fahren wir zum Olympiaareal raus und bestaunen die Leistung einer völlig anderen Epoche. Am Hang zum Gigantismus hat sich allerdings wenig geändert - das Olympiastation, auch bekannt als Vogelnest, ist beeindruckend riesig und natürlich auch architektonisch hochinteressant.
Am nächsten Morgen steht die Hauptattraktion, die chinesische Mauer auf dem Programm. Üblicherweise schliesst man sich zu diesem Zweck einer Tour an, allerdings steht uns nach Guide und Busfahrt in grosser Runde so gar nicht der Sinn. Ein freundlicher Australier erklärt uns den nicht unkomplizierten Bustransfer auf eigene Faust, an der Busstation werden wir allerdings von 2 Mädels abgefangen, die bereits ein Taxi organisiert und noch 2 Mitfahrer benötigen. Der Preis ist völlig ok und der Fahrer scheint ein netter Kerl zu sein also ab. Nach 2 Stunden äussert rasanter Fahrt sind wir in Simatai und vom Fleck weg beeindruckt von der Aussicht. Nur die riesige Gruppe chinesicher Schüler in Trainingsanzügen stresst ein bisschen, als Beeilung. Nach ner halben Stunde saftigem Marsch stehen wir auf der Mauer und staunen. Die grosse Mauer ist tatsächlich noch schöner, als man es sich vorstellt, was nun wirklich selten ist bei Sehenswürdigkeiten. Auf dem Bergkamm zieht sie sich bis zum Horizont, alle 200m unterbrochen von einem schicken Türmchen, eingebettet in einer fantastische Berglandschaft. Wir wandern also reichliche 3 Stunden fasziniert hoch und runter und müssen uns sogar noch eine Extrazeit von den faulen Mädchen erbitten, die lediglich mit der Seilbahn hoch und runter fahren, weil die Aussicht einfach so überwältigend ist. Schwer zu beschreiben, aber ganz sichger ist die Mauer eins meiner Tophighlights auf diesem Trip. Jedenfalls sind wir wirklich zufrieden und auch ziemlich müde, als wir schliesslich wieder im Taxi sitzen. So bekomme ich die halsbrecherische Rückfahrt nur teilweise mit, während Fritz auf dem Vordersitz Todesängste aussteht. Zum Dank, das wir nach 2 Stunden noch am Leben sind, verschenkt Fritz sogar seine Sonnenbrille - es scheint ernst gewesen zu sein ;-)
Am letzten Pekingtag passiert nicht mehr viel. Nach der Mauer kann an Sehenswürdigkeiten eigentlich nichts mehr kommen und so beschränken wir uns aufs flanieren, finden unterwegs einen deutschen Pub, in dem es tatsächlich vogtländisches Sternquell zu trinken gibt und gehen ein bisschen einkaufen.
Zurück in Shanghai verbringe ich die letzten Tage damit, zu packen, meine Heimfahrt zu organisieren, die eine oder andere Besorgung zu machen und mich telefonisch mit der deutschen Bahn rumzuärgern, die der Meinung ist, das Rail and Flytickets unmöglich nochmal ausgedruckt werden können. Willkommen in Deutschland, denk ich... Und wir verbringen noch einen Abend in einer Kneipe und machen die Bekanntschaft von drei lustigen Gesellen, die sich in einer reichlichen halben Stunde 10 Tequilas reinschiessen, immer abstrusere Geschichten erzählen und schliesslich mit ordentlich Schlagseite von dannen ziehen. Ausserdem kucken wir uns das Expogelände mal von oben an, denn 2 Kommilitonen von Kathleen haben eine Bombenbude im 18 Stock mit bester Sicht. Auf die Expo selbst verzichte ich, da 3 Tage nach Eröffnung mit endlosen Schlangen zu rechnen ist und ich meinen letzten Tag in China nicht mit anstehen verbringen will... Den letzten Abend verbringe ich schliesslich am Flughafen, da der Flieger schon morgens um 7 geht und keine Busse oder U-Bahnen fahren...
Auf dem Rückflug dann keine besondere Vorkommnisse - ich sitze im Mittelgang und seh nicht mal die Wüste... naja,dann eben mal wieder Filme ;-). Wegen fehlendem Rail & Fly Ticket löse ich kostenpflichtig nach Erfurt und dort nehmen mich mein lieben Eltern und Schwesterlein würdig mit geschmierten Broten in Empfang. Die 200km von Frankfurt nach Erfurt kosten mich im Übrigen ein klein bisschen mehr als 42 Stunden Zugfahrt in China...
Tja, und nun bin ich wieder in Scheibenberg. Natürlich hat sich hier wenig getan, immerhin - es liegen keine 3m Schnee mehr, was mir ganz entgegen kommt... Aber was ist mit mir passiert? Ich habe noch keine Antwort darauf, ich werde mich einfach ein bisschen beobachten ;-) Definitiv wundere ich mich nach 5 Monaten ohne Papierkram über den riesigen Berg Formulare, den man mir beim Arbeitsamt unterschiebt... Ich will doch nur versichert sein!! AHHHH. Und bei der Krankenkasse möchte man ein Flugticket als Beleg, das ich auch wirklich wieder da bin, obwohl ich perönlich erscheine. Ich staune, wie ich die letzten 5 Monate gestaunt habe.
So, ich glaube ich bin am Ende. Danke, das ihr so zahlreich teilgenommen habt. Habe mich sehr über eure Kommentare gefreut und hoffe sehr, euch alle bald wieder zu sehen!!
Quasi als Anhang noch ein paar Listen , mit denen ich mich immer mal wieder beschäftigt habe. Für mich eine Abrundung, wenn es sowas überhaupt geben kann ;-) wens interessiert....
13000 km beträgt lauf Google Earth die Strecke zwischen Bangkok und Shanghai mit Bus, Bahn, Fähre und sonstigen Mobilaten
5 Hauptstädte (Bangkok, Vientiane, Phnom Penh, Hanoi, Peking) angeschaut - eindeutiger Sieger: Phnom Penh, letzter Platz Vientiane
16 Bücher, die mich auf so mancher Bus und Zugfahrt gerettet haben
Stefan Zweig - Sternstunden der Menschheit (ziemlich wortgewaltige Beschreibung grosser Momente der Geschichte)
Philipp Roth - Ein amerikanisches Idyll (detailliertes Psychogramm einer Durchschnittsfamilie, grandios)
Robert Harris - Vaterland (überdurchschnittlicher Thriller über die Idee, was wäre, hätte Hitler den Krieg gewonnen)
Henry Kamm - Cambodia, Report of a stricken land (schlimmer Augenzeugenbericht eines amerikanischen Journalisten zur Zeit der roten Khmer)
Stanley Stewart - Vom Reich der Mitte ins Land der Himmelsberge (sehr unterhaltsamer Reisebericht von einem Typen, der von Shanghai nach Pakistan reist)
A.J. Jacobs - Britannica und Ich: (über einen Typen, der sich vornimmt, die gesammte Enzyclopädia Britannica zu lesen und dabei der klügste Mensch der Welt zu werden, lustig aber auch ein bisschen anstrengend)
Frieder Laux - Der philosophische Himmel (lesenswertes Buch über das Scheitern des Materialismus)
Jose Saramango - Das Zentrum (äussert charmanter Roman über eine spanische Töpferfamilie)
Simon Becket - Die Chemie des Todes (spannende Thriller, nicht mehr nich weniger)
Douglas Adams - Per Anhalter durch die Galaxis (das witzigste Buch, das ich je gelesen hab)
Katharina Hacker - Die Habenichtse (preisgekührt, aber ziemlich langatmig)
Jonathan Safran Foer - Extremly loud and incredibly close (mein absoluter Favorit, sensationeller tragikomischer Roman)
James Hilten - Lost Horizon (Klassiker, der Tibet überhaupt nach Westen geholt hat, sehr lesenswert!)
Harban Coben - Gone for Good (überdurchschnittlicher Thriller)
Jerry Mander et al. - Schwarzbuch Globalisierung (ein sozialpolitischer Augenöffner...)
Stieg Larrson - Vergebung (zu recht so populär, sehr komplexer Krimi)
Reisetop 10
Chinesische Mauer - noch schöner als gedacht
Tigersprungschlucht (China) - Natur pur, beeindruckender gehts kaum
Bayontempel in Angkor Thom - unfassbar schöner Tempel (Kambodscha)
4000 Islands - relaxter gehts nimmer (Laos)
Prasat Preah Vihear - toller Tempel und tolles Abenteuer in Kambodscha
Mekongbootsfahrt (Laos) - kaum was schöneres als auf dem Mekong zu schippern mit Pink Floyds "Shine on you crazy diamond" im Ohr
Crazy House in Dalat (Vietnam)- abgefahrenste und spassigste Architektur der Reise
Halong Bay (Vietnam)- trotz Überfüllung einfach toll
Phnom Penh (Kambodscha) - ein seltsam charismatischer Ort
Flossweihnachten im Dschungel (Thailand) - mal was ganz anderes
Also, es gibt einiges zu sehen in diesem Teil der Welt. Wird bestimmt nicht das letzte Mal gewesen sein- wer kommt mit?
Schön das du wieder sicher hier angekommen bist!!!
Also....ähhhm, ich wär das nächste mal dabei :)
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