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SaBienes Blog

Ein Tag in Dentsche - Teil 1

23.01.2012 | Bilder0 | Kommentare1 | Ghana 
Mein Tag beginnt zum ersten mal um ca. 4:00 morgens, wenn die Schüler anfangen den Duschraum, der zu unserem Leidwesen genau neben unserem Zimmer ist, zu...

...stürmen. Das Wasserrauschen, gepaart mit singenden und schreienden Schülern, verschmilzt zu ohrenbetäubendem Lärm, der in der Dunkelheit verhallt. Geschmückt wird das ganze von lieblichem Vogelgezwitscher, einem krähenden Hahn und manchmal Musik von den Nachbarn.

Gequält versuche ich mich aus meiner Schaumstoffmulde, in die ich im Schlaf eingesunken bin, zu befreien, kullere mich in Zeitlupe an den rechten Rand meines Bettes und taste im Halbschlaf nach der kleinen Ziptüte, die immer neben mir im Bett liegt. Ich versuche mir das zweite Paar Ohropax herauszunehmen; das erste brauche ich abends zum Einschlafen, fällt mir aber dummerweise jede Nacht aus den Ohren; vielleicht nehm\' ich die Dinger auch unbewusst selber raus, keine Ahnung. Also steck ich mir ein neues Paar in die Ohren und falle wieder in meinen Schlafschacht.

Es dauert eine Weile bis die Musik von meinem Handywecker durch die Ohropax hindurch dringt. Ein bisschen zu lange; bis mich Aretha Franklin erreicht, dreht sich Lea schon unruhig im Bett herum, Sorry!

Ich springe auf, fummle das Moskitonetz, das zwischen Bettrahmen und Matratze eingeklemmt ist heraus und beeile mich den Wecker auszumachen. Ich lege mein Handy mittlerweile absichtlich auf den Schreibtisch in der anderen Ecke des Zimmers, damit ich gezwungen bin aufzustehen. Es ist 6 Uhr morgens.

Der Unterricht beginnt zwar erst um 07:30 Uhr, aber ich habe diese Woche Frühstücksdienst und da ich mir selber auferlegt habe, dass das Frühstück immer da sein muss bevor der erste zum Unterricht muss bleibt mir nichts anderes übrig als aufzustehen. Die anderen nehmen es mit ihrem Dienst zwar nicht ganz so ernst, aber was solls. Ich suche in der Dämmerung frische Unterwäsche aus meinem Schrank, tapse ins Bad, werfe meine Sachen in die Ecke, lege mein Füßehandtuch vor die Dusche, um nicht das ganz Bad zu versauen und steige in die Dusche. Ich drehe die Leitung auf und denke „kalt!“, verstecke mich noch ca. 2 Sekunden vor dem Strahl, bevor ich mich überwinde mich direkt darunter zu stellen und bin schlagartig wach, hellwach, BLITZwach! Ich japse kurz nach Luft, alles in mir sträubt sich gegen die Kälte, dann fangen meine Muskeln an sich zu entspannen – und ich fühle mich verdammt gut. Kalte Duschen sind wirklich das Geheimrezept für jeden Morgenmuffel, das ist ein ganz anderes Lebensgefühl.

Ich wasche meine Haare, seife mich ein und versuche verzweifelt meine Füße sauber zu bekommen. Ich habe das Gefühl, der Schmutz der von den staubigen Straßen in Kombination mit Flip Flop tragen oder Barfußlaufen kommt, hat sich mittlerweile irgendwie mit meiner Hornhaut verwachsen. Ein weiterer Grund für mein extra Füßehandtuch.

Als ich aus dem Bad komme ist es bereits hell, die Sonne geht morgens genauso schnell auf, wie abends unter. Ich ziehe mich an, suche ein paar von den roten 1 Cedi-Scheinen zusammen, die verknüllt zwischen Papierfetzen, Schulbüchern, schwarzen Plastiktüten Laptop und Vollkornbrot auf meinem Schreibtisch liegen und mache mich bereit zum Frühstück holen. Ich sperre die Tür auf, trete auf die Veranda, die eigentlich nur ein Betonvorsprung ist und atme tief ein. Heute morgen ist es total neblig, das Gras ist feucht und die Luft ungewohnt kühl. Die frische Luft wandert in meine Lungen, es riecht ein bisschen nach Urlaub. Ich strecke mich kurz, dann kommt Lizbeth, die Frau von Sark aus der Tür neben an und begrüßt mich mit einem freundlichen „Good morning“. Ich kontere mit einem noch freundlicheren „Ma adje“. Sie lächelt mich an. Ich frage, ob es diese Nacht geregnet hätte, sie erklärt mir, dass das nicht der Fall ist, und das Wetter darauf hindeutet, dass bald Weihnachten sei. Eine nicht gerade wissenschaftlich ausreichende Antwort, aber ich gebe mich gern damit zufrieden und mache mich auf den Weg.

Die Schüler räumen gerade den Campus auf, schneiden die Hecken mit Macheten, kehren den Boden mit kleinen Art Reißigbesen, die aus einer Art Schilfgras oder so ähnlich bestehen. Die Schüler haben hier jeden Tag von 5 bis halb 7 „Prep“, also Vorbereitungszeit, in der alle im Klassenzimmer sein müssen und lernen. Danach wird der Campus aufgeräumt. Ich laufe vorbei am Domitory der Mädchen, am Office, nehme die Abkürzung vorbei am SHS-Gebäude zum Markt. Der Markt ist ein großer offener Platz, eigentlich einfach nur eine Wiese, über die quer ein Trampelpfad zur „Road Side“ also zur Hauptstraße, die eigentlich fast schon den Großteil des Dorfes ausmacht, verläuft. Rechts ist eine kleine Bar, in der bereits Musik spielt, in der sich allerdings nur zwielichtige Gestalten aufhalten. Wir waren bisher nur einmal dort und das nur ungefähr 30 Sekunden. Nach der Bar stehen auf der rechten Seite 6 oder 7 kleine Marktstände aus Holz, wo die Marktfrauen Tomaten, Zwiebeln, Plantain, Yam, Cassava, etc. verkaufen. Um diese Zeit ist allerdings noch kaum jemand da. Auf der linken Seite des Platzes ist eine kleine Chopbar, in der wir ab und zu Fufu essen. Ich laufe über den Platz und spüre die Luftfeuchtigkeit fast schon wie eine Gischt auf meiner Haut. Ich komme mir vor, als würde ich durch eine Art Sprühnebel laufen. Ein paar Kinder laufen mir entgegen „Obruni, what is your name?“ Ich wundere mich darüber, dass es immer noch Leute gibt, die mich nicht kennen, bzw. für die es etwas besonderes ist, dass hier Weiße rumlaufen. Das Dorf ist total klein und die Schule hat schon seit Jahren weiße Praktikanten. Und trotzdem wird man immer wieder angesprochen wo man herkommt, wo man wohnt und was man hier macht. „My name is Sabine.“ Die Kinder bekommen große Augen und rufen „Sabrina!“, den Namen der letzten Freiwilligen. Was solls, ich hab mich mittlerweile daran gewohnt, dass niemand meinen Namen aussprechen kann. Ich erreiche die Straße, muss aufpassen, dass ich nicht in den Graben falle, der hier überall an den Straßen entlang läuft, und biege nach links ab. Ein kleiner Junge steht nackt an der Straße, von oben bis unten eingeseift und kippt sich Wasser über den Körper, ein weiterer spuckt seinen Zahnputzschaum in den Graben, ein dritter benutzt ihn gerade als Urinal. Einfach weiter gehen, dass ist ganz normal. Eine Frau sitzt vor den Stufen ihres Hauses und wäscht in einer rießigen Waschschüssel ihre Wäsche, ich frage mich immer noch wie die das schaffen immer saubere Kleidung an zu haben. Ich habe mittlerweile in fast jeder Hose Flecken, die ich einfach nicht mehr raus krieg. Die Straße steigt leicht an, ich sehe Frauen, die nähen, Frauen die kochen, Frauen, die einfach nur miteinander reden. Wo sind eigentlich die ganzen Männer? Verdammt, das hätte ich mich besser nicht fragen sollen, schon ruft jemand von der anderen Straßenseite „Obruni, I want to talk to you!“ Ich weiß es ist unhöflich, aber ich gehe einfach weiter, dieser gebieterische Ton gefällt mir ganz und gar nicht. Wäre zwar nicht das erste mal, dass ich mir nachher anhören muss, dass ich keine Schwarzen mag, aber ich hab jetzt wirklich keine Lust. An der Straßenkuppe liegt mein Stammladen, hier kaufe ich Brot und Eier. Kwadwo der Besitzer des Ladens freut sich mich zu sehen, gibt mir die Hand, dann folgt der üblich Small talk. Guten Morgen, wie geht’s, 2 Butterbread und 4 Eier bitte. Er schenkt mir ein Ei, macht er öfter, weil ich so eine treue Kundin bin, ich verabschiede mich, dann schau ich noch kurz beim Schuhmacher vorbei, der direkt neben an arbeitet. Er hat eine Missbildung an den Beinen und kann deswegen nur mit angewinkelten Beinen auf dem Boden hocken, bzw. auch ein bisschen hin und her laufen. Die Beine sind leicht schräg vom Körper weggedreht, so dass es ein bisschen aussieht wie bei einem Frosch. Trotz der Behinderung ist er glaub ich der fröhlichste Mensch in ganz Denkyemouso. Sein Laden ist einfach nur ein Hauseingang, der keine richtige Tür, sondern nur ein Gitter davor hat. Hinter dem Gitter führt eine Treppe ins Haus, der Schuhmacher, Owouso, sitzt auf der Schwelle vor der Treppe. Wieder ein bisschen Small Talk, natürlich auf Twi, er lobt mich, sagt W\' aye edee, Gut gemacht und gibt mir Grüße für meine Sister Lea mit.

Ich wechsle die Straßenseite, genau gegenüber sitzt die Bofrot-Frau Janet. Diese kleinen frittierten Teigbällchen sind fester Bestandteil unseres Frühstücksbuffets. Wieder Small Talk, Janet lächelt und fragt „80 Pesowas?“ Hier sagt man immer für wie viel man kaufen will, nicht wie viel. Ich lächle zurück „aane“ - Ja. Janet weiß einfach was ich will, genau wie daheim, wenn Katterl mich fragt „Allgäuer Pfandl?“ Aane. Sowas weiß ich zu schätzen.

Der Sohn von Janet heißt Bismarck. Er geht auch in Denkeymouso zur Schule, das ist nicht zwangsläufig so. Jede Menge Kinder fahren morgens mit dem Schulbus in andere Dörfer. Anhand der Schuluniform kann man sie auseinander kennen. Unsere ist braun weiß. Bismarck ist sogar in Dennis Klasse.

Ich mache mich auf den Rückweg, laufe wieder über den Markt überlege kurz, ob ich die Abkürzung an der SHS vorbeilaufen soll, und damit riskiere, dass alle Schüler was von meinem Essen haben wollen. Ich entscheide mich dagegen, laufe außen herum, vorbei am Kindergarten. Auf dem Platz zwischen Mädchen- und Jungs-Domitory ist gerade Morning-Assembly, ach ja es ist ja schon 7. Damit hätte ich mir den Umweg sparen können. Alle Schüler stehen in Reih und Glied vor der Dining Hall, gerade hält der Headmaster eine Ansprache. Ich laufe mit meinen Frühstückstüten vorbei, ein bisschen peinlich, eigentlich sollten beim Morning-Assembly ja immer alle Lehrer anwesend sein. Weil das aber von den anderen Lehrern auch niemand ernst nimmt, hab ich für mich beschlossen, auch nicht mehr hinzugehen.

So, schnell noch Eier machen, ein gekochtes Ei für Dennis, der Rest endet als Rührei. Ich mache das die ganze Woche, ich hab schließlich Frühstücksdienst, auch hier bin ich die einzige, die das so ernst nimmt, was dazu führt, dass oft zwar Eier gekauft, diese aber dann einfach roh in den Kühlschrank gelegt werden, weil niemand Lust hat sie zu kochen. Am nächsten morgen ist man sich dann nicht mehr sicher, ob noch Eier da sind, es werden wieder welche gekauft und der Kühlschrank füllt sich langsam aber sicher mit rohen Eiern. Man könnte ja auch einfach gekochte Eier kaufen, aber die sind dann kalt und das findet Dennis scheiße. Frühstückseier müssen heiß sein. Mh ja, aber Frühstückseier sollten auch gekocht sein. Schwierig, schwierig.

Diese Woche wurde der Stundenplan geändert, die Schule endet jetzt nicht mehr um 2:30, sondern erst um 3:10 Uhr, meines Erachtens ein Horror für die Schüler. Daneben habe ich 8 zusätzliche Unterrichtsstunden bekommen. Damit habe ich jetzt 8 Stunden Sciences, 5 Stunden Deutsch, eine Stunde Deutsch für die Lehrer, da diese nicht mit den Schülern zusammen unterrichtet werden wollen und 3 Stunden Library. Nach dem ersten tiefen Luft holen zu Beginn des Tages fängt es jetzt an stressig zu werden. Ich gieße als erstes meine Gliricidia sepium, die ich diese Woche gesät habe. Hier gibt es keine Blumentöpfe oder ähnliches, man verwendet dazu die kleinen Plastiktüten, in denen man Trinkwasser kaufen kann. Dank des Abfallsystems findet man diese auch überall kostenlos auf der Straße. Das war richtig viel Arbeit die Tüten alle aufzuschneiden, mit Erde zu füllen, Samen einzupflanzen, Löcher unten rein zu stechen, ein viereckiges Loch zu graben, die Dinger da rein zu stellen und anzugießen. Ich nehme also eine kleine Tasse, Gießkannen haben sie hier nicht, einen Eimer Wasser und schütte überall eine viertel Tasse drauf. Dabei muss man aufpassen, dass die Samen nicht immer wieder frei geschwemmt werden, sonst verbrennen sie in der Sonne. Also streue ich überall wieder ein bisschen Erde darüber, dann muss ich meinen Deutsch-Unterricht vorbereiten. Die Form 1 Schüler der SHS sind diese Woche erst gekommen, deshalb ist das erst meine 2. Stunde. Dementsprechend fang ich wieder mit den Standard-Sachen an, Hallo, Wie geht’s, Wie heißt du, Wo kommst du her... Ich lümmle mich auf die Couch, mache ein paar Notizen, schaue auf die Uhr und stelle erschrocken fest, dass es schon 08:10 Uhr ist, Zeit um Philipp in der Library abzulösen. Ich packe noch schnell meinen Laptop, mein Notizbuch und meine Klassentests in Sciences zusammen und mache mich auf den Weg. Die Library ist nur ein ziemlich kleines Zimmer, mit 4 Schränken, zwei Couchen, einem Tisch, 4 Stühlen und einem Pult. Dementsprechend ist auch die Auswahl an Büchern hier. Die Schüler haben feste Library-Zeiten in ihrem Stundenplan in denen sie anwesend sein müssen. Außerhalb dieser Zeiten kann man nicht in die Library. Philipp springt auf als ich in den Raum komme und ich lasse mich erst mal auf den Stuhl am Pult fallen. Einmal kurz durchatmen, dann packe ich die Klassentests aus, die ich am Dienstag geschrieben habe. Korrigiert sind sie zwar schon, aber sie sind so grottenschlecht, dass ich mir den Kopf darüber zerbreche, wie ich den Schnitt vielleicht noch hinbiegen kann. Aber bei dem Notensystem ist das ziemlich schwierig. Der Test hat insgesamt 40 Punkte und teilt sich in zwei Sections mit 10 und eine mit 20 Punkten. Noten gibt es genaugenommen überhaupt nicht, die Punkte werden dann einfach so in ein Records-Book übernommen. Sowieso wahnsinn wie viele Tests und Assignments man hier schreiben soll. Das Schuljahr ist aufgeteilt in 3 Terms. Pro Term sollen 4 Hausaufgaben mit jeweils 5 Punkten aufgegeben werden, 4 Tests mit jeweils 10 Punkten, ein Mid-Term-Test mit 40 Punkten und ein End-of-Term Exam mit jeweils 100 Punkten. Ich frage mich wann man da noch unterrichten soll, da ist man ja nur noch am Test schreiben.

Aber egal, momentan quält mich viel mehr die Frage, warum ich bei meinem Test einen Schnitt 13,8 von 40 Punkten habe... Liegt das an mir oder unterschätze ich wirklich die Dummheit der Schüler? Ich rechne rum, blättere durch, lese nach, rechne wiederum und komme auf keine Lösung wie man den Notenschlüssel ändern könnte, wo es doch überhaupt keine Noten gibt. Ich beschließe das nochmal mit dem Headmaster zu besprechen, ach ja der Headmaster! Ich soll bis heute alle Übungshefte meiner Schüler zu ihm bringen, schon wieder so eine blöde Regel, damit er kontrollieren kann, ob ich Tests schreibe und Hausaufgaben aufgebe. Dummerweise hat die Hausaufgaben nur nie jemand gemacht. Gestern bin ich schon den ganzen Tag den Science-Schülern hintergelaufen, um ihre Hefte zu bekommen, sowas ist wirklich Nervtötend. Du kannst nicht einfach in die Klasse gehen und die Hefte einsammeln, weil sie einfach niemand dabei hat. Also sagst du, ok bring sie morgen, dann gehst du morgen in die Klasse und es hat wieder niemand ein Heft. Wenn man einem Schüler sagt, bitte sammel die Hefte ein, sagt er Ja und es passiert nichts. (Die sagen immer Ja!) Also muss ich jeden einzelnen Schüler auf sein Zimmer schicken, vorm Domitory stehen bleiben und warten bis er es bringt... Was für eine Zeitverschwendung! Ich stehe auf, gehe zu den Schülern auf den Couchen und frage sie nach ihren Deutsch-Heften. Die Schüler starren mich an, „We will bring it on Monday“ Nein verdammt ich muss sie heute abgeben. Heute, heute, HEUTE! Nachdem ich nochmal lang und breit erklärt habe, dass nicht die Schüler kontrolliert werden, sondern ich als Lehrer haben sie wohl doch ein bisschen Mitleid mit mir. Sie fragen mich nach den Angaben der Hausaufgaben und versprechen mir, dass sie sie noch diesen Vormittag machen. Naja auch gut. Ich schaue auf die Uhr, es ist schon 10 nach 9, eigentlich hat schon vor 20 Minuten die nächste Stunde angefangen, aber die Schulglocke hat nicht geläutet. Genauer genommen, niemand hat die Schulglocke geläutet. Und ganz genaugenommen, niemand hat mit dem verrosteten Eisenstab auf die verrostete Eisenplatte, die vor der Dining-Hall hängt, geschlagen. Ich gehe zurück ins Zimmer, schaue mich kurz um. In meinem Schrank liegt ein Berg Wäsche, der gewaschen werden will. Das könnt ich noch kurz machen. Falsch, kurz ist das eigentlich nicht. Ich fülle die schwarze Wanne mit Wasser und stelle sie auf unseren Spül- und Waschtisch auf der Veranda zwischen unseren beiden Zimmern, kippe Waschpulver hinein und fange an. Schon bei der ersten Hose fange ich an zu fluchen, schon wieder neue Flecken, die nicht mehr rausgehen. Wie soll man denn Grasflecken ohne Waschmaschine und Fleckenentferner wegkriegen? Am Anfang hab ich mir beim Waschen immer die Knöchel wund gescheuert, mittlerweile bin ichs schon gewohnt, außerdem habe ich mittlerweile nicht mehr den Elan eine halbe Stunde lang an einem Fleck zu schrubben nur um fest zu stellen, dass die Sachen doch nicht sauber werden. In einen großen blauen Eimer fülle ich noch mal kaltes Wasser um das Waschpulver aus der Wäsche zu kriegen. Ich schaffe grade mal 3 Hosen und 5 T-Shirts, dann ist es auch schon Zeit, ich muss unbedingt nochmal mit dem Headmaster sprechen, bevor ich zum Deutsch-Unterricht gehe. Maxwell einer der Form 1 Vocational Schüler kommt vorbei, schon zum 2. mal, verdammt die haben einfach nichts zu tun. Ich frage ihn warum er nicht im Unterricht ist, er meint „there\'s no teacher“. Weil die Schüler pro Term Schulgebühren zahlen müssen, kommen viele der ersten Klassen einfach erst zum zweiten Term, weil es sich jetzt nicht mehr lohnt. Das hat allerdings zur Folge, dass nur 3 Schüler da sind und den anderen Lehrern es dann einfach zu blöd ist, sie zu unterrichten. Die drei sitzen den ganzen Tag in ihrem Klassenzimmer und wissen nicht was sie tun sollen. So geht das einfach nicht. Ich nehme Maxwell wieder mit in seine Klasse, schnappe mir alle drei und gehe mit ihnen in die Dining Hall, in der eine große Weltkarte an die Wand gemalt ist. „Wo ist Europa?“, frage ich. Heftiges Rumgefuchtel, Gestottere, gefolgt von betretenem Schweigen. Nachdem wir kurz die Kontinente durchgemacht haben, lasse ich die drei alleine und gebe ihnen die Aufgabe alle Länder Europas zu lernen. Die wären erst mal beschäftigt.

So jetzt muss ich aber zum Headmaster, ich laufe zurück zum Zimmer schnappe mir meine Klassentests und Science-Bücher und laufe in sein Büro. Es ist schon viertel vor 11. Der Headmaster ist ca. 60 Jahre alt, hat immer einen dunklen Anzug an und sieht irgendwie aus, wie ein Diktator. Auf den ersten Blick strahlt er auch die gleiche Autorität aus, aber nach 2 Minuten Gespräch mit ihm weiß man, dass er eigentlich total nett ist. Das einzige Problem ist, dass es nie bei 2 Minuten bleibt. Unter einer halben Stunde bin ich noch nie wieder aus seinem Büro rausgekommen. Er erzählt dann von seiner Zeit an der SHS, von seinem Jahr in Großbritannien, dass das Essen dort furchtbar war, dass seine Kirche eine neue „Filiale“ in Denkyemouso eröffnet, oder findet es unglaublich spannend, dass ich Whiskey trinke und erwähnt immer wieder „Oh, Whiskey is expensive...“. Ob er wohl auf eine Einladung wartet? Wer weiß. Ein nerviges Thema, dass er leider immer wieder anschneidet ist das Thema Kinder schlagen. Er versucht tatsächlich mich immer wieder zu überreden es mal auszuprobieren! Eine lustige Vorstellung ist das ja irgendwie schon.. Ich mit meinen 23 Jahren soll meine 22- jährigen Schüler schlagen. Das ist doch lächerlich!

So mal sehen wie viel Zeit heute drauf geht, die Zeit wird gestoppt, und los.

Erster Tagesordnungspunkt: Meine neuen zwei Deutsch-Stunden, die blöderweise auf Freitag Mittag gelegt wurden. Dabei wollten wir die nächsten zwei Wochenenden ja schon am Donnerstag auf Reisen gehen. Wir einigen uns darauf, dass ich die Deutsch-Stunden mit den Dienstags-Library Stunden tauschen kann. Für mich heißt das, dass ich am Dienstag einen 7-Stunden-hintereinander-Unterricht-Marathon habe und für den Headmaster springt ein typisch deutsches Essen dabei raus. Die Ghanaer... wollen immer irgendwas haben.

Zweiter Punkt: Mein Mid-of-Term-Exam. Ich drücke ihm meinen Test in die Hand und frage, ob er zu schwer war. Jetzt folgt ein 20minütiger Vortrag über das Schulsystem in Ghana, darüber dass die Schüler einfach dumm und faul sind (O-Ton: „but some are also good“) und dass man sich nicht so viele Gedanken darüber machen sollte, ob man was beim Unterricht falsch macht... Na herzlichen Glückwunsch, das ghanaische Bildungssystem lebe hoch. Man muss sich den Unterricht hier wie folgt vorstellen: Die Lehrer stehen an der Tafel, erzählen, schreiben alles was sie erzählen an die Tafel und die Schüler schreiben einfach nur ab. Dann lernen sie alles auswendig, haben aber keine Ahnung was es bedeutet. Mit modernen Unterrichtsmethoden können die Schüler auch überhaupt nichts anfangen, sie sind darauf getrimmt auf Knopfdruck Definitionen auszuspucken. In meiner ersten Science-Stunde sah das so aus: Brainstorming zum Thema Chemie: „What do you think, when you hear the word chemistry?“ Es folgen unzählige zusammengestammelte Definitionsversuche.. Chemistry is... the studies of living and nonliving matter... Ok stopp. Neuer Versuch, wenn ich Chemie höre, denke ich an Experimente, an was denkt ihr? „Madame....question again“ Also nochmal: What is the first thing, that comes into your mind when you hear chemistry? I think of experiments for example.. „Madame... do you want a definition for experiment?“

Das Problem ist, dass diese Art von Unterricht schon im Kindergarten losgeht. Lea erzählt oft von den Unterrichtsstunden. Die Kinder lernen zum Beispiel das Alphabet auswendig. Wenn man dann aber auf einen Buchstaben zeigt und fragt was das für ein Buchstabe ist, kommt gar nichts. Oder sie zählen von 1 bis 100. Zeigt man auf die 1, sagen die Kinder „eins“, zeigt man auf die 2 sagen die Kinder „zwei“, auf die 3 „drei“. Zeigt man aber dann wieder auf die 1 kommt automatisch „vier“.

Alles basiert auf Auswendig lernen und das traurige ist, wenn die Schüler das nicht machen schaffen sie nach den 3 Jahren SHS, bzw. Vocational School einfach die Final Exams nicht. Diese sind für ganz Ghana (Ich glaube sogar für ganz West-Afrika) gleich, bestehen großteils aus Multiple-Choice fragen und Definitionen und werden so korrigiert, dass nur genau die Definitionen, die im Buch stehen gelten. Wenn jemand was sinngemäßes in eigenen Worten schreibt fällt er einfach durch. Punkt.

So jetzt hab ich keine Zeit mehr für die Ausführungen des Headmasters es ist 20 nach 11, meine Deutsch-Stunde fängt an. Ich hüpfe über die Türschwelle und stopp, genau 34 Minuten. Ein kurzer Spurt zum SHS 1 Classroom, verwundert bleibe ich in der Tür stehen. Es sitzen nur 2 Schülerinnen im Klassenzimmer. Ich denke kurz darüber nach, aber die Klasse hat ohnehin nur 6 Schüler (wie bereits erwähnt kommt der Rest erst im nächsten Term). 2 von 6, das sind 33%. Da kann man schon unterrichten. Wow, wie entspannend Unterricht sein kann, wenn nur 2 Schüler da sind. Im Vergleich zu der SHS 2 mit 44 Schülern ist das einfach nur ein Traum!

Wenn dann eine von beiden aber ständig wegpennt, weil sie so müde ist, ist es nicht mehr ganz so cool. Wenigstens kann ich mir bei dieser Schülerzahl die Namen noch gut merken, was leider bei den anderen Klassen nicht der Fall ist. Und manche Schüler sehen wirklich immer noch gleich für mich aus. Ich frage mich, ob sich das noch ändert.

So wir haben den Zahlenraum von 1 bis 12 erfolgreich erarbeitet, jetzt bin ich mit einem Schüler verabredet. Er soll mit mir in eine Gärtnerei in Kumasi fahren, um Avokado- und Orangenbäume für mein Gartenprojekt zu kaufen. Ich hetze aus dem Klassenzimmer, da kommen mir die SHS 2 Schüler mit einem Stoß Hefte entgegen. Sie haben den ganzen Vormittag damit verbracht, alle Hausaufgaben, die ich bisher gestellt habe abzuschreiben, sogar mit richtigem Datum. Na toll, wie sieht das denn jetzt aus, wenn ich dem Headmaster einen Stoß unkorrigierter Hausaufgaben hinleg, teilweise von Mitte Oktober. Ich seufze, während ich den Stapel nehme, verdrehe die Augen, ohne dass es die Schüler sehen und bedanke mich bei ihnen. Da kommt schon David auf mich zu, DER angebliche Agrarexperte unter den Schülern, der mich in die Stadt begleiten will. Er will noch kurz essen gehen, stimmt es ist ja Mittagspause, dann können wir los. Ich hetze mit meinen Heften zum Zimmer zurück und kriege beinahe einen Anfall. Die Sonne brennt mittlerweile so heiß, dass bereits 20 Meter laufen einen für die nächste halbe Stunde außer Gefecht setzen können.

Fortsetzung folgt....

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Kommentare (1)

  • (#1) alex sagte am 02.02. um 18:15 Uhr:

    echt gut beschrieben, muss allerdings später weiterlesen weil ich lernen muss, ganz liebe grüße, alex


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