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Kapitel sechs – Kerzenschnitzen

23.04.2009 | Bilder30 | Kommentare1 | Neuseeland  - Takaka
Am Lake Haweka Lookout war die erste Person, mit der wir uns an dem naechsten Tag unterhalten hatten, eine ueber 60 Jahre alte Radfahrerin. Sie war vor ein paar Wochen...

...an der Ostkueste gestartet und befand sich nun auf einer langen Fahrradtour durch das huegelige Neuseeland. Respekt, wuerd ich sagen!

Wir machten gerade wieder Pancakes mit dem Pulver-Mix, als sie vorbeiradelte und wir uns eine Weile unterhielten. Wenig spaeter wollten wir weiterfahren, doch sprang Johnny nicht an: die Batterie war leer. Wir verstanden nicht ganz warum, aber hatten das Problem schnell geloest, da ein aelteres Ehepaar vorbeifuhr und uns Starthilfe geben konnte. Wir konnten weiterfahren und ein neuer Tag begann.
Auf dem Weg hielten wir bei einer einmaligen Bucht an: Urwald traf direkt auf Strand. Es war ein merkwuerdiges, aber interessantes Bild! In dieser Bucht machten wir nun auch die Bekanntschaft mit den Sandflies. Sie aehneln kleinen Fruchtfliegen, doch finden diese kleinen Mistviecher es total super, sich in einer Gruppe von 20 Freunden auf mein Bein zu setzen und mein kostbares Blut herauszulutschen. Wir sahen aber auch ein paar schoene Lebewesen am Ufer des Strandes entlangschwimmen und fuer mich war es das erste mal, Delfine in der freien Natur erleben zu koennen.

Etwas weiter, nachdem wir uns Lunch gemacht hatten, sahen wir an einem Uferstueck unzaehlig viele gestapelte Steinpfeiler. Julia, die ich im Old Stone Backpackers kennengelernt hatte, meinte, dass das Gedanken an die verstorbenen Menschen sind. Ich baute meinen eigenen Pfeiler auf.

Das grosse Ziel fuer den Tag waren die beiden beruehmten Gletscher Franz Josef und Fox. Am Fox waren wir zuerst und folgten den ersten Schildern auf einen Parkplatz und gingen die ersten Schilder Richtung Gletscher los, bis wir nach einer halben Stunde wandern merkten, dass dies die alte Strecke war, und wir zum Parkplatz zurueckgingen und bis zur naechsten Abbiegung und schliesslich dem aktuellen grossen Parkplatz fuhren. Dann wurde es spannend, als wir uns auf den Terminal Walk bis zum Gletscher direkt machten. Eigentlich war dieser aufgrund von Schnee- und Steinfall geschlossen, doch sind wir ja jung und naiv – da darf man das!

Je naeher wir kamen, desto gewaltiger und noch beeindruckender wurde der Gletscher. So etwas habe ich wirklich noch nie gesehen. Was fuer eine wahnsinnige Kraft der Gletscher ausdrueckte! Ich beruehrte das Eis, wovon ich nicht abschaetzen konnte, wie alt das Stueck war, dass ich in dem Moment mit der Koerperwaerme meiner Hand zum schmelzen brachte. Auf dem Boden fand ich kleine Eisstuecke, die in der Sonne wunderschoene Lichtreflexe brachten und schoene Makro Aufnahmen hergaben.

Beim naechsten Gletscher, dem Franz Josef Glacier, gingen wir nur zum Aussichtspunkt, da wir die direkte Erfahrung ja gerade schon beim Fox hatten. Das Besondere am Franz Josef Glacier, der wie sein Nachbar ueber den Waiho River in die Tasmanische See fliesst, ist, dass er in den letzten Jahren nicht abgenommen, sondern zugenommen hat! Mit etwa 80 m pro Jahr waechst der Gletscher und zeigt, dass nicht alles in der Natur auf globale Erwaermung zurueckzufuehren ist.

Nach den Gletschern machten wir uns auf den Weg zum Arthurs Pass, eine besonders schoene Strecke zum Wandern. Waehrend der Fahrt bemerkte ich, dass der Schnitt, den ich mir beim Kochen zugelegt hatte langsam verheilte und es meiem Daumen besser ging. Der Tag ging zu Ende und wir sahen einen schoenen Sonnenuntergang, der sich im Wasser eines Flusses spiegelte und schliesslich hinter den Bergen verschwand.

Am naechsten Morgen fruehstueckten wir natuerlich ersteinmal, beovr wir das Stueck, dass wir am vorabend in der Dunkelheit zurueckgelegt hatten, nun im hellen zurueckfuhren und bestaunen konnten. Im Prinzip machten wir also eine kleine Schlaufe durch das Inland. Wir sahen das beeindruckende Otira Viaduct, als wir wieder einmal mit den Teenagern der Vogelwelt, den Keas, konfrontiert waren. Einer wollte das Gummi auf dem Dach unseren Autos missbrauchen und als ich versuchte, ihn wegzuscheuchen, erfuhr ich das erste mal, wie sich so ein Tier anhoert. Ploetzlich kamen aus drei Schnaebeln Dinosaurier-aehnliche Urschreie, die mir ganz schoene Gaensehaut bescherten!

Wir verliessen den Arthurs Pass wenig spaeter und hielten bei irgeneinem See an, in dem sich das Gebirge und die Farben wunderpraechtig im glatten Wasser widerspiegelten. Man glaubt, dass man bei den ganzen Seen langsam das Interesse verlieren koennte, doch denkt man jedem naechsten hier koennte ich meinen Lebensabend verbringen…

In Greymouth wollte ich mir das Hostel „Noah’s Arc“ anschauen. Dort hatte Nele Ewers-Peters gearbeitet und, wie ich in ihren Mails erfahren hatte, auch fuer eine Weile mit ihrer Freundin den Laden geschmissen hatte. Besonders an dem Hostel ist, dass jeder Raum nach einem anderen Tier (Loewe, Zebra, Baer) gestaltet ist. Vor ein paar Jahren gab es eine Art Flut, und dieses Hostel war eines der wenigen, dass von einem Wasserschaden verschont wurde. So entstand das Motto der Arche Noahs. Als wir dort waren, fuehrte mich ein Mann, von dem ich glaube dass er der Hostelvater war, durch die liebevoll gestalteten Raeume und ich fand es schade, dass wir nicht laenger in dem Hostel bleiben konnten oder die Chance hatten, eine Nacht dort zu verbringen. Neuseelaendische Hostels sind echt schoen!

Wir fuhren weiter und hielten bei den „Pancake Rocks“ an. Diese merkwuerdigen Gebilde sind durch Erosion enstandene, sehr eigenartig aussehende Steinformationen, die wirklich wie gestapelte Pancakes aussehen. Verrueckt!

In einem weiteren Fluss sahen wir auf dem Weg wieder eine wunderschoene Wasserspiegelung, bevor wir Abends nahe Nelson auf einem gemuetlichen, gruenen Rastplatz unseren Schlafplatz fuer die Nacht fanden. Es war noch relativ frueh und mir war langweilig, also versuchte ich mich im Kerzenschnitzen. Ich nahm eine der dicken, weissen Kerzen, die wir im Baumarkt gekauft hatten und ritzte mit einem Messer typische Symbole aus Neuseeland rein. Einen Silberfarn, ein „NZ“, den Kiwi-Vogel, die Neuseelandkarte und das Eternity-Symbol (Twist) aus der Maorikultur. Die Kerze gefiel mir.

Wasserdampf, Baumzweige und Sonnenstrahlen ergeben ein interessantes Bild. Das merkte ich, als ich wir am naechsten Morgen Wasser zum abspuelen kochten. Ein schoenes und mysterioeses Fotomotiv.

In Nelson kauften wir mal wieder ein und besorgten uns im Info-Center eine Karte fuer die Stadt. Wir schauten uns die Kirche an, die verschiedene Architekturstile und viele Anbauten der Vergangenheit vereint. Vor der Kirche standen ein paar Baeume und die Blaetter verfaerbten sich schon in schoenen Gelb-, Rot- und Orangetoenen: Es war Herbst.

Wir gingen in die Gold- und Silberschmiede Jens Hansen. Hier wurde „der eine Ring“ in ueber 40-facher Ausfuehrung geschmiedet. In der Hans eines Hobbits musste er ja zum Beispiel groesser Erscheinen als in der Hand eines Zauberers. Einer der groesseren Sorte wurde hier ausgestellt und auch der Ring von Aragorn. Er sah sehr interessant interessant aus: Zwei Schlangen umschlaengelten sich und fanden sich bei einem gruenen Edelstein wieder.

Dann hatten wir das wahrscheinlich merkwuerdigste Mittagessen, als wir uns im „Wurstwagen“ jeder eine Currywurst bestellten. Es war ein deutscher Betreiber und ploetzlich waren nur deutsche um uns herum und wir befanden uns garantiert nicht mehr in Neuseeland! Als wir unsere Wurst in die Hand gedrueckt bekamen, meinte er nur „Lass es dir schmecken.“ …sehr, sehr komisch…

Nachdem ich mir einen Cappucino geholt und mit einem kleinen Maedchen zu beider Belustigung Grimassen ausgetauscht hatte, fuhren wir zum nahegelegenen Abel Tasman National Park. Wir peilten zunaechst die „Arts Factory“ an, einen stilvollen, gemuetlichen, kleinen Laden. Vor ein paar Wochen hatte mir Alex in Sydney auf seiner Kamera Bilder von seiner Neuseelandreise gezeigt. Auf einem Bild waren viele, liebevoll geschnitze Ocarinas abgebildet und ich wollte sie einmal selbst bestaunen. Jetzt stand ich davor, ueberlegte lange und probierte viele Ocarinas aus, bis ich schliesslich eine fand, die mir sehr gefiel. Ich kaufte mir eine mit schoenen Maori-Schnitzereien und dazu noch eine CD mit Ocarina-Songs, um mich inspirieren zu lassen.

In dem Laden gab es auch ein paar sehr schoene Postkarten mit eindrucksvollen, starken Spruechen zum Thema Reisen und zum Leben: „Der Weg ist das Ziel“ – „Sometimes you have to see life through different eyes“ – „Travelling is fatal for prejudices, bigotry and narrow-mindedness“ – „Home can be anywhere“ – und mein Lieblingsspruch von Willie Shakespeare: „The Earth has music for those who listen“

Anschliessend fuhren wir zum Hawkes Lookout und liefen ein Stueck bis zum Aussichtspunkt, von dem man eine gute Sicht auf den Abel Tasman National Park hatte. Wir beschlossen unseren Schlafplatz gefunden zu haben, kochten uns etwas und machten einen ruhigen Abend mit chillen, dem ersten Versuch Ocarina zu spielen, lesen und schliesslich schlafen!

Am Freitag mieten wir uns ein Kayak im kleinen Ort Marahau um den Park auf eigene Faust zu erkunden. Wir bekamen eine Einweisung durch einen Mitarbeiter und er meinte zu uns, dass wir den wahrscheinlich letzten schoenen Tag fuer die naechste Zweit erwischt haetten. Glueck gehabt! Wir setzten unser Kayak ins Wasser und draussen gab es nochmals eine kurze Einweisung durch den Guide, bevor wir unsere Richtung selbst bestimmen konnten. Als wir eine Weile am Ufer entlangpaddelten und immer Ausschau auf wilde Tiere machten, sprang ploetzlich ein mittelgrosser Fisch neben uns etwa einen Meter aus dem Wasser hoch. Normalerweise kann man auch Pinguine und Delfine sehen, doch sollte der hochgspringende Fisch unsere einzige spannende Konfrontation mit der Wildnis sein.

Wir machten an einem schoenen Strand Lunch und assen ein paar Sandwiches, waehrend uns ein paar Moewen neidisch dabei zusahen. Gemuetlich paddelten wir weiter an einen Strand, wo viele schoene bunte Muscheln herumlagen, aus denen ich aus reiner Laune ein Gesicht im Strand zauberte. Einen Rastafari aus Muscheln. So langsam machten wir uns nach ein paar Stunden auf den Rueckweg und befolgten den Hinweis des Mitarbeiters, dass wir nach dem Paddelerlebnis das Kayak einfach irgendwo am Strand zuruecklassen sollten. Sie wuerden es dann einsammeln. Das taten wir auch und waren gerade die paar Hundert Meter ueber den langen Strand (es war Ebbe) zurueckgegangen, als eine Frau angerannt kam und meinte, wir muessten unser Boot zu dem etwa 100 Meter entfernten Traktor bringen. „Warum bewegt ihr das nicht? Traktor rueberfahren ist leichter als Kayak ziehen.“ Anscheinend durften sie nicht so weit mit dem Traktor rueber, also mussten wir zuruecklaufen und zogen das Kayak mit laufender Geschwindkeit zu Fahrzeug. Workout fuer den Tag: Check.

Auf einem Campingsplatz benutzten wir die Dusche, die mit 1$ fuer 5 Minuten teurer war als Internet in einem Cafe. Doch dafuer wahrscheinlich sehr viel nuetzlicher. Anschliessend fuhren wir weiter, zurueck nach Nelson und weiter nach Picton. Von dort ging unsere Faehre nach Wellington und zur Nordinsel Neuseelands ueber.

Vielleicht kann man diese Erlebnisse mit dem Kerzenschnitzen verlgeichen. All diese vielen Erfahrungen sind wie die geschnitze Kerze mit den vielen einzelnen Bildern, die noch eine Weile im Gedaechtnis eingebrannt sind, bis sie irgendwann wie alles im Leben und in der Welt einmal erloeschen werden. Manchmal werden sie noch als Lichter aufflackern. Doch dann wird das Licht schon einen anderen Schein haben.

Keep on rockin‘,

FS

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Kommentare (1)

  • (#1) nele sagte am 19.05.09 um 15:02 Uhr:

    he das müsste nelson lakes gewesen sein, den du so bewunderst! ist das zebra room dein fave? liebe grüsse


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