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Scholles Blog

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Kapitel acht - Ich bin eine Katze

29.04.2009 | Bilder18 | Kommentare0 | Neuseeland  - Hamilton
Am Mittwoch hatte ich meine 7-hour Epic-Tour in den Waitomo Caves und hatte bis auf einer groben Vorstellung vorher natuerlich noch keine wirkliche Ahnung, was auf mich zukommen wuerde.

Nachdem wir Rotorua am naechsten Tag verlassen hatten, wollten wir eigentlich in ein Schlammbad gehen, doch aenderte sich unsere Meinung, als der Geruch der Stadt fuer uns leider unertraeglich wurde. Also entschieden wir uns direkt zu den Waitomo Caves zu fahren, wo ich meine Tour fuer den naechsten Tag gebucht hatte. Dort angekommen, war es sehr regnerisch, deswegen haben wir uns in die Lounge im YHA ausgeruht, im Internet gesurft und gelesen.

Morgens hat mich Katrin bei dem Center abgesetzt und wir haben uns fuer den Tag verabschiedet. So wuerde jeder fuer einen Tag seine eigenen Erfahrungen machen, was bei gemeinsamen Reisen ab und zu ganz entspannend ist. Dort angekommen lernte ich gleich meine kleine Abenteuergruppe kennen. Sie bestand aus einem kanadischen Paerchen in den 20ern und einer Israelin namens Ori Atoun. Wir fanden uns alle auf Anhieb sympathisch und waren alle ziemlich aufgeregt, weil keiner von uns genau wusste, was eigentlich vor uns lag.

Mit den 2 Tourguides ging es in einen kleinen Bulli, wir fuhren etwa 20 Minuten und kamen dann auf dem Privatgrundstueck an, bei dem unsere Exkursion beginnen sollte. Jeder wurde mit einem Wetsuit, einer Neopren-Weste und –Socken seiner Groesse ausgestattet. Man bekam Gummistiefel, eine Kopflampe und schliesslich einen Harnisch, denn es wuerde nass, dunkel und nicht ganz ungefaehrlich werden.

Als mir einer der Tourguides, Scott, meinen Harnisch gerade richtig befestigte, meinte er nur „oh..“. Ich fragte ihn, was das bedeuten solle und er meinte nur, dass eins der Metallteile leicht verbogen waere und ich dann einfach nur der am wenigsten gesicherte Mensch in der Gruppe waere. Darauf ich: „Achso, also wenn ich ueberlebe, bedeutet das, dass ich der Staerkste der Gruppe bin.“ Darauf lachte er freundlich.

Wir gingen einen kurzen Wanderweg, bis wir schliesslich an dem Abseilpunkt angelangten. Die Hoehlenwelt befindet sich im Untergrund und um die Erkundung zu beginnen, muss man sich erst einer Prüfung stellen, ohne die man nicht herunterkommt. Wir sassen jetzt alle auf einem dicken Metall wie die Huenchen auf der Stange und blickten herunter in das 100 Meter tiefe Loch, in das wir uns abseilen wuerden. Jeder hatte ein Seil. Scott: „Hebt einmal das Seil an, dass unter euch haengt...“ (Es war ganz schoen schwer) „das alles ist 100 Meter Seil!“

Mit einem einfachen System wurden wir nun mit unserem Harnisch an das Seil geschnallt und ich merke schon, dass ein System umso besser ist, je einfach es gestaltet ist. So muss man auf weniger Dinge achten und es kann weniger schief gehen. Wir teilten uns in zwei Gruppen auf: das kanadische Paerchen und Ori und ich. Ich fand sie echt sympathisch und wir hatten uns bei der Hinfahrt im Bulli schon nett ueber unsere Reisen unterhalten. Ich vertraute ihr und obwohl wir uns beim Abseilen nicht helfen mussten, sondern je ein Tourguide im Notfall eingegriffen haette, gab mir das ein sicheres Gefuehl.

Der Abstieg war einfach nur faszinierend. Waehrend ich mich langsam abseilte, bewunderte ich schon jetzt die beinahe unberuehrte Natur. An der Felswand wuchsen Pflanzen mit gruenen und braunen Blaettern, die von der Luftfeuchtigkeit und dem Regen der letzten Nacht noch immer glaenzten. Wenn man nach unten blickte, so sah man nur einen Schleier mit schwachen Konturen des Bodens. Die ganze Atmosphaere war einfach nur traumhaft. Ganz unten erkannte ich einen kleinen Bach und freute mich schon jetzt, die Hoehle zu erforschen.

Je weiter man nach unten kam, desto weniger Seil war unter einem und desto schneller stieg man ab, wenn man sich freihaendig abseilte. Genauso wurde es auch schwerer, sein eigenes Koerpergewicht mit dem Abstieg zu vereinbaren. Als wir nach etwa zehn Minuten unten ankamen, waren wir erst einmal sprachlos, denn die Umgebung hatte uns die Sprache verschlagen. Mit grossen Augen und offenem Mund drehten wir den Kopf hin und her, bis Gavin und Scott zum Lunch riefen und fuer jeden Sandwiches, Saft und Kaffee verteilten.

Ich war zu meinem eigenen Erstaunen richtig hungrig, ebenso die anderen. Wir sassen jetzt auf ein paar Felsen an dem Fluss, der am Felsrand entlangfuehrte und den ich mir von ganz oben schon halb ausgemalt hatte.

Erfrischt und neu gestaerkt machten wir uns nun auf den eigentlichen Weg. Es ging los mit einem Marsch durch die grosse Lichtung, in der wir aufgesetzt sind und bewegten uns nun ins Dunkle. Wir machten unsere Kopflampen an und ich wurde wieder nervoeser. Nun benutzten wir auch unsere zwei Sicherheitsleinen, die wir an die Seile befestigten, die an gewisse Hoehlenabschnitte an der Wand befestigt waren um ein zu weites Abrutschen zu verhindern.

Scott, einer der Guides, hatte eine wasserfeste Kamera dabei und machte fleissig Bilder. Ab und zu wies er uns auf eine gute Fotomoeglichkeit hin, wie zum Beispiel ein Felsbrocken, auf den wir uns stellen sollten. Erst gab es ein Bild von vorne mit Blitz und dann ein Bild, bei dem man sich umdrehen sollte waehrend er ein Foto ohne Blitz machte. Auch ohne auf die Kamera zu schauen, sah dieses Bild wahnsinnig gut aus. Das kanadische Paerchen stellte sich nebeneinander und im Hintergrund sah man einen hellen Fleck, der unser Hoehleneingang war. Dann zeigten sie mit dem Finger in die Richtung. Ori tat anschliessend das gleiche und der Hell-Dunkel-Kontrast bewirkte eine sehr mysterioese Stimmung. Anschliessend war ich dran und nachdem es ein Frontalbild mit Blitz gab, fragte ich Scott, was ich denn jetzt fuer eine Pose machen solle. Er meinte, ich solle improvisieren. Also drehte ich mich um, machte die Saturday-Night-Fever-Pose und verbreitete allgemeine Heiterkeit.

Langsam wurde es nass. Das bemerkte man, als erst die Gummistiefel nass wurden, diese sich dann mit Wasser fuellten und man ploetzlich, waehrend man gemuetlich durch den Fluss ging, bis zum Kopf absackte und ein Stueck schwimmen musste. Dann kletterten wir eine weniger steile Felswand hoch und gingen oben durch einen kurzen Gang. Anschliessend gab Scott eine kleine Einfuehrung und meinte, dass wir ja die Tour gebucht haetten, bei der man nass wird. Dieser Zeitpunkt waere nun gekommen. Wir machten alle unsere Lampen aus, bevor er einen Drop-Off hinunterrutschte und man nur ein lautes Platsch! hoerte. Dann war erst die kanadische Fraktion an der Reihe, bevor ich in vollkommener Dunkelheit in das Loch rutschte und schliesslich unten in den kleinen See eintauchte, durch den wir kurz zuvor geschwommen waren. Wahnsinn.

In den naechsten Stunden folgte eine atemberaubende Mischung aus Action, Archaeologie und vor allem absoluter Verblueffung. Einmal gingen wir durch einen Tunnel auf hoeherer Ebene, durch den sich ein duenner Bach windete. Gavin und Scott wiesen uns auf etwas hin und dann sah ich den Aal, wie er sich in dem Minimum von Wasser fortbewegte. Ich beruehrte ihn und er war glatt.

Unter einem Wasserfall machten wir lustige Bilder, bevor wir weiterwanderten, kletterten und uns durch Wasser bewegten. Dabei wateten wir entweder oder mussten je nach Stroemungsstaerke kraeftig schwimmen oder uns an der Hoehlenwand entlangziehen. Auf dem Weg bestaunten wir versteinerte Walknochen und Austerfossilien, in denen teilweise noch Perlen eingefangen waren.

An einer Stelle, in der die Stroemung staerker war und sich die Hoehlenwaende in der Mitte fast beruehrten, bekamen wir wieder unsere Ladung Action. Erst musste man gegen die Stroemung ankaempfen, bei dem sich meine Neoprenweste praktischerweise selbst oeffnete und ich es schliesslich meisterte, diese unter Wasser wieder halb anzuziehen. Dann wartete schon einer der Guides in der Hoehlenenge auf einen um noetige Hilfestellung zu leisten, waehrend man ungesichert den Spalt hochkletterte. Hierbei musste man sich mit den Haenden am Felsen festhalten und geeignete Stellen fuer die Fuesse finden, was nicht gerade einfach war, da unter einem ein Bach stroemte und die Felsen somit glatt und rutschig waren.

Ich war gerade ein kleines Stueck hochgeklettert, als ich mit meinem rechten Gummistiefel abrutschte. Ein Moment des Schocks. Hier rief ich mir meine Jedi-Reflexe und Mission Impossible-Skills ins Gedaechtnis und fand schnell mit der rechten Hand einen Felsknubbel, an dem ich mich festhalten konnte. Die restlichen Meter des Aufstiegs meisterte ich ohne Vorfaelle. Oben angekommen, wurde es wieder nass. Der Sinn in dem Hochklettern bestand naemlich darin, wieder herunterzuspringen. Mit voller Kraft zauberte ich eine Bombe in der Hoehle. Das ganze durften wir ein paar mal machen, also nutze ich es auch ein paar mal aus.

Spaeter hatten wir noch einmal eine kleine Mahlzeit und wir setzten uns an den "Miami Beach", wie Gavin ihn nannte. Dabei handelte es sich um eine Kiesaufhaeufung am Flussrand, der jetzt nur ein paar Zentimeter tief war. Unsere Guides verteilten Schokoladenriegel und heisse Zitrone und es folgte die wahrscheinlich lustigste Unterhaltung an dem wohl ungewoehnlichsten Ort. Wir machten alle unsere Lampen aus und es war so stockfinster, dass man noch nicht einmal mehr die eigene Hand vor Augen sehen konnte. Natuerlich hoerten wir noch unsere Stimmen, und das war das komische. Die Unterhaltung wirkte wie ein Telefonat, doch irgendwie persoenlicher und naeher, obwohl man die anderen Gespraechspartner nicht sah.

Gestaerkt ging es weiter, bis wir schliesslich vor einem grossen Felsbrocken standen und wir unsere Guides fragten, wie es weiter gehen wuerde. „Ja geradeaus natuerlich!“. Unter dem enorm grossen Felsbrocken befand sich ein Spalt von vielleicht 30 Zentimetern Hoehe. Um dieses Hindernis zu passieren musste man sich auf den Boden legen und in den Spalt hineinkriechen. Erst verschwand das kanadische Paerchen, dann war ich an der Reihe. Ich schluepfte mit dem Kopf nach vorne in den Fels hinein. Jetzt ueberlegte ich, welche Faehigkeiten von nuetzen waeren. Reflexe und Staerke halfen hier nicht. Als ich mich zunaechst wie eine Schlange hindurchschlaengelte fiel mir ploetzlich meine Katze ein, die sich unter die schmalsten Stellen hindurchpressen kann. Also presste ich meinen Koerper so weit es ging auf den Boden und kroch den etwa drei Meter langen Weg entlang, waehrend ich mir in Gedanken nur „Ich bin eine Katze, ich bin eine Katze“ vorsagte und so die Faehigkeiten des Tieres annahm.

Kurz vor dem Ausgang legten wir uns auf einen grossen Felsen und machten alle unsere Lichter aus. Dadurch, dass durch die Hoehle ein Fluss fuehrt und dieser Nahrung mit hereintraegt, haben besondere Lebewesen die Chance, hier zu leben. Wir blickten nun auf die grossen Hoehlenwaende und bestaunten, wie unzaehlig viele Gluehwuermchen ihre Lichter verbreiteten. An der Decke zogen sich Reihen von Gluehwuermchen entlang, die wie etwa fuenf oder sechs funkelnde Milchstrassen aussahen. Zunaechst lagen wir dort etwa eine Viertelstunde und liessen uns in vollkommener Stille von der Magie bezaubern, bevor Scott uns ein paar interessante Details ueber die Wuermer erzaehlte. Die Gluehwuermchen bekommen durch den Fluss die Nahrung, die sie zum ueberleben benoetigen. So haben sich die gewitzten Wuermchen etwas ausgedacht und locken nun mit ihrem Naturabfall, der an ihrem Hinterteil glueht, kleinere Tierchen an, um diese dann zu verzehren. Ausserdem gluehen sie schoen hellblau.

Am Ende machten wir unsere Lampen aus, denn man konnte schon etwas Tageslicht erahnen. In den letzten Metern bis zum Hoehlenausgang liessen wir uns also von dem Tageslicht, dem Fluss und dem Licht der Wuermchen leiten, bis wir nach Stunden in dem Untergrund wieder Frischluft atmeten und von der Helligkeit geblendet wurden.

Nun waren wir staerker und genau das praesentierten wir auch auf einem gelungenen Gruppenbild.

Wir mussten noch etwa ein oder zwei Kilometer zuruecklaufen. Dabei ging es ueber eine huegelige Schafswiese und wir bemerkten, dass sich unser Koerper schwerer anfuehlte. Nicht nur aufgrund der unglaublichen Muskelmassen, die wir nun aufgebaut hatten, sondern vor allem durch das Wasser, dass sich in unsere Neoprenklamotten aufgesogen hatte.

Zurueck in der Basis gab es eine erfrischend-heisse Dusche und anschliessend ein praechtiges Barbeque mit der gesamten kleinen Gruppe. Das Essen schmeckte sehr gut, besonders nach der Auslastung in der Hoehle und trotz Muedigkeit hatten wir noch ein paar interessante Unterhaltungen. Dann fuhren wir zusammen zurueck in die Stadt und bekamen alle unsere Bilder und Zertifikate ausgehaendigt, bevor man sich voneinander verabschiedete, ich mit Ori rausging und wir unsere Kontaktdetails austauschten. Als wir gerade die Treppe heruntergingen rutschte sie ab und plumste ein paar der Stufen herunter. Sie lachte sofort und wir fanden es beide verdammt lustig, dass wir gerade unsere Zertifikate fuer das Bestehen eines sieben Stunden Hoehlenabenteuers erhalten hatten und dabei die unglaublichsten Hindernisse bewaeltigt hatten - und dann scheitert sie an einer simplen Treppenstufe. Man weiss nie, wie das Leben spielt.

Keep on rockin’,

Freddy Scholle

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