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Ste_Fs Blog

Französische Rosinen

18.09.2011 | Bilder24 | Kommentare4 | Frankreich  - Aix-en-Provence, Provence-Alpes-Côte d'Azur
Oben, etwas unterhalb des Chateau Roseline in den bitter-grünen Weinbergen von La Font du Broc , lagen schon seit geraumer Zeit zwei stark vertrocknete...

...Rosinen auf dem von der Sonne ausgedörrten Lehmboden der Haut Provence. Niemand konnte genau sagen, wie lange sie schon so da lagen, Seite an Seite, in diesem jämmerlichen Zustand der lethargischen Regungs- und Bedeutungslosigkeit. Ihre Haut war schon ganz verschrumpelt, bräunlich verfärbt und dermaßen von Furchen übersäht, dass selbst die Ameisen achtlos an ihnen vorüberzogen.

\\\"Wir müssen dringend etwas unternehmen\\\", nuschelte eines Morgens eine der beiden Rosinen.
\\\"Das kann so nicht mit uns weitergehen\\\", nuschelte die andere.

Da sie sich nicht mehr aus eigener Kraft fortbewegen konnten, mußten sie auf den nächsten Mistral warten. Der setzte noch am gleichen Abend gegen acht Uhr mit heftigen Stürmen ein. Mit jeder Windböe ein paar Meter vorankommend, sich gegenseitig Stück für Stück überholend, kullerten sie schweigsam ihrem Jammeracker davon. Der Mistral blies die ganze Nacht, sodaß sie am nächsten Morgen die Fontaine de la Rotonde erreichten, einen riesigen Steinbrunnen aus dem Jahre 1860, mit Kreisverkehr davor, im Herzen von Aix en Provence.

Der Wind hatte sie ganz schön durchgeschruppelt. Völlig benommen hatte sich in ihrem zerfurchten Äußeren jede Menge Staub und auch klebriger Dreck angesammelt. Da von dem Rotondebrunnen immer etwas Wasser über den Rand schwappte und auf die Strasse spritzte, konnten sie duschen und sich von Grund auf reinigen. Das dauerte seine Zeit. Aber sie waren äußerst zufrieden, als sie feststellten, wie gut ihnen das Wasser tat. Sie fühlten sich jetzt schon deutlich besser und waren auch wieder in der Lage, selbstständig zu gehen.

Als erstes wollten sie einen kräftigen Milchkaffee zu sich nehmen und schlenderten deshalb den Cours Mirabeau hinauf zum Cafe Les deux garcons (mittlerweile ein Touriladen, in dem aber schon Cézanne verkehrte. Und zwar immer wenn er abends, geschwächt vom Malen, nach Hause ging; bzw. wenn er -geschwächt von der Nacht- sich morgens ins Atelier schlich).

Die beiden Rosinen machten große Augen: Rechts, links, all die vielen Geschäfte und historischen Gebäude, die sie noch nie zuvor gesehen hatten. Sie kamen an der Kathedrale Saint Sauveur vorbei, besichtigten die Klosteranlagen, passierten und bestaunten die alten Universitätsgebäude und schielten dann und wann in die bunten Schaufensterauslagen der vielen und teuren Modegeschäfte. In der Brasserie Amadeus, am Anfang der Rue d\\\'Italie, bestellten sie ein Tagesgericht. Sie hatten großen Hunger und wollten es sich mal so richtig gut gehen lassen.
Als Vorspeise gab es gekochte Karotten mit Leberwurst, Sahne und Speck. Dannach gab es eine braun-sämige Marseillaiser Fischsuppe mit Fenchel und Kroketten auf blanchiertem Petersilientartare.
Als 2. Gang bestellten sie Himbeermarmelade auf Honigkuchen an Senfsauce mit sautiertem Auberginenmus und marinierten Schweinelendchen. Dann folgte Rahmrisotto an Heringskompott, a la chef, auf Basilikumpesto mit frittiertem Spargelragout und Sesamtoast. Dannach wollten sie noch eine Tarte aux fiques mit filetierter Entenbrust und gestanztem Zitronensorbet an Blattspinat verdrücken.

Mir war schon ganz übel. Diese Völlerei konnte ich mir nicht länger ansehen.

\\\"Halt, STOP!\\\", rief ich, \\\"Das reicht! Wenn ihr so weitermacht, platzt ihr! Ich brauche euch noch, um diese Geschichte zu Ende zu bringen!\\\"
Die beiden Rosinen sahen sich betreten an.
\\\"Wir sind nur Statisten in einer Geschichte?\\\" fragten sie ungläubig.
\\\"Keine Statisten\\\", sagte ich, \\\"Ihr seid die Hauptfiguren in meinem letzten Blog aus Frankreich -und nun mal schön langsam mit dem Nachtisch!\\\"
\\\"Okay\\\", sagten die Rosinen, \\\"Verdirb uns nicht den Spaß, du kriegst auch deine Geschichte: Wenn wir platzten sollten, darfst du Wein aus uns machen. Wir wollten sowieso immer schon mal in höhere Sphären aufsteigen\\\"

Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet.
\\\"Okay, ich komme darauf zurück\\\", sagte ich ein wenig drohend.
\\\"Tschööh!\\\", sagten die Rosinen und schmatzten weiter.
\\\"Tschööh...\\\", sagte ich

und MERCI BEAUCOUP all den lieben und netten, dicken und dünnen, bunten und karierten \\\"Rosinen\\\", denen ich unterwegs begegnet bin. 2011? Ein guter Jahrgang!
Danke, für die Kommentare und Emails, die taten gut!
Dank auch an Ansgar und Stephanus für die musikalische Untermalung der Tour und
Danke, curly sue, für die Blumen- und Briefkastenpflege...

A bientôt!!

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Kommentare (4)

  • (#1) J_O_N sagte am 18.09.11 um 11:54 Uhr:

    Verrückt, wie schnell doch die Zeit vergeht...
    Nun warst du die Lebenszeit einer Weintraube in Frankreich und schon ist wieder alles vorbei.
    Ich freue mich schon auf den Ausflug nach Köln, vielleicht kann ich dort ja in Erfahrung bringen zu welchem edlen Wein es die Rosinen geschafft haben...

  • (#2) Lausi sagte am 18.09.11 um 19:48 Uhr:

    Rosine müßte man sein......!
    Die Rosinen sind ja glücklicherweise wieder Richtung Köln geweht worden!

  • (#3) Lausi sagte am 18.09.11 um 19:55 Uhr:

    Und vielen Dank für die vielen unterhaltsamen Geschichten, das hat über Vieles hinweg geholfen! Du Poet!

  • (#4) travi_baby sagte am 22.09.11 um 19:49 Uhr:

    In ungefähr zwei Wochen ist\'s mit meinem Rosinenleben vorbei und ich kann mal wieder entschrumpeln - den König aus Frankreich treffen und FEIERN! Bis dahin mein König. Und: Ist es echt wahr? Am nächsten Sonntag gibts keine Geschichte? Kaum vorstellbar! Ich bin sicher, es wird neue schöne Geschichten geben... wenn nicht in Frankreich, dann eben hier.







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