...von meiner Leidenschaft lassen: Den November verbrachte ich auf einer Islandpferdefarm im "nahen Norden" Ontarios, mitten im Nirgendwo, das nächste Dorf zählt nicht einmal 2000 Einwohner. Mein Aufenthalt dort wurde der vorläufige Höhepunkt meiner Kanadareise. Die Farm ist wunderschön, direkt an einem See gelegen, und die Familie (Deutsche :-) hat mich so lieb aufgenommen, dass ich mich einfach nur wohl fühlen konnte. Und dann natürlich die Pferde - rund vierzig Isländer, schon mit kuscheligem Winterpelz.
Gearbeitet habe ich vor allem mit einigen jungen, gerade eingerittenen Pferden; etwas, womit ich zwar keine Erfahrung hatte, was mir aber unheimlich Spaß gemacht hat: eine ganz neue Herausforderung, und ich habe sehr viel dabei gelernt. Zum Beispiel, dass ein Jungpferd erst mühsam lernen muss, was man als Mensch, beziehungsweise Freizeitreiter, als selbstverständlich voraussetzt - gesatteltwerden, beim aufsitzen stillstehen, ein lobendes Tätscheln akzeptieren (eine dem Pferd an sich völlig unbekannte Geste - sowas als Lob anzusehen, ist eine Menschenidee!), und so weiter... ein paarmal waren die Ritte nicht so erfreulich und ich hatte den einen oder anderen Kampf mit meinen Schützlingen. Aber auch Rückschritte muss man eben akzeptieren, und wer nicht aufgibt, wird am Ende doppelt belohnt. Eine für mich ganz besonders schöne Erfahrung war zum Beispiel der letzte Tag: Ein paar Runden im ruhigen Trab auf dem Außenplatz - mit einem Wallach,der am Anfang meines Aufenthalts auf jede zweite Bewegung des Reiters wie auf einen Schlag vom Stromzaun reagiert hat und den wir zwischendurch sogar gar nicht geritten, sondern nur vom Boden aus trainiert haben. Mein kleines Erfolgserlebnis :-)
Neben der alltäglichen Arbeit gab es auch allerhand Abwechslung, beispielsweise ein Wochenendreitkurs mit den Besitzern der Jungpferde, und dann war Jagdsaison: Eine Woche lang bewohnte eine Jägergruppe das Gästehaus, was uns zwar in den Reitmöglichkeiten einschränkte - wir wollten ja nicht irrtümlich mit nWild verwechselt werden - aber ansonsten sehr lustig war, denn die Jäger sind seit Jahren Stammgäste auf der Farm und ausgesprochen herzliche und gastfreundliche Männer. Der ein oder andere Abend zog sich demnach auch entsprechend lange hin. Für die Erwachsenen.
Und außerdem ist es irgendwann im Lauf des Monats Winter geworden. An einem Wochenende sind wir noch im T-Shirt geritten, am nächsten lagen mehrere Zentimeter Schnee. Und prompt fiel in der Nacht der Strom aus und blieb weg bis zum nächsten Abend. Leider keine Seltenheit, wie ich zu meiner gelinden Überraschung erfuhr (man sollte doch meinen, dass dieses Land sich mittlerweile an seinen Winter gewöhnt haben dürfte, oder?). Aber mit Holzofen und Dieselgenerator haben wir diesen Tag trotzdem ganz bequem überstanden. Raus mussten wir ohnehin: Die Pferde wollten schließlich ihr Heu und wegen des Stromausfalls, der auch die automatischen Tränken betraf, gab es noch zusätzliche Arbeit. Immerhin hat keiner der Schlaumeier bemerkt, dass für ein paar stunden kein Strom auf dem Zaun war. Glück für uns.
Dieser Ort und seine Bewohner, zwei- und vierbeinig, sind mir in diesen wenigen Wochen so ans Herz gewachsen, und als ich mein Lieblingspferd (eins von mehreren, um ehrlich zu sein) zum letzten Mal in den Stall brachte, ließ sich ein ungehorsames Tränchen nicht am Zügel halten... dafür war mein letzter Abend aber besonders schön, denn wir gingen auf ein kleines Konzert des aus Ontario stammenden Sängers Ron Nigrini. Für meine Gastgeber etwas doppelt besonderes, weil sie ihn persönlich kennen. Und mich haben einige seiner Lieder sehr berührt, besonders mit dem Gedanken im Hinterkopf, wie toll die vergangenen fünf Wochen waren, wie traurig mich der Abschied machte - und wie gespannt ich gleichzeitig auf die nächsten Monate war.
So I say goodbye... to the time and the place and the love and the grace...
...und auf ein neues Abenteuer.
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