...allerhöchste Zeit (im Hintergrund läuft Tori Amos; meine Stimmung ist vergleichbar)! Ich kann hier den einen oder anderen schon nicht mehr sehen. Was sich anfangs als so vorteilhaft dargestellt hat (nämlich, dass wir uns alle kennen, die wir hier miteinander arbeiten müssen), stellt sich mittlerweile als das größte unserer Probleme dar. Denn im Einsatz kommt bei manch einem doch eine ganz andere Seite zum Vorschein. Da nehme ich mich noch nicht mal aus; ich habe natürlich auch festgestellt, dass ich mit meiner manchmal nicht so ganz unprovokativen Art einigen eher dünnhäutigen Zeitgenossen schon mal schwer gegen den Strich gehe. Nun gut. Das ist aber auch etwas, womit ich umzugehen weiß. Allerdings ist es für einzelne ab und zu schwierig, zwischen dienstlicher und persönlicher Ebene zu unterscheiden und das macht die ganze Sache doch deutlich brisanter.
Tut mir leid, dass ich hier so um den heißen Brei herumschreibe, aber ich will weder Namen nennen noch genaue Situationen schildern. Schon alleine aus Fairness, da ich ja hier nur eine äußerst subjektive und vielleicht auch einseitige Darstellung wiedergeben kann. Ich kann Euch allerdings versichern, dass nicht die Bedrohung von außen als die größte Belastung empfunden wird, sondern diese interne Quälerei. Da ich mich natürlich auch mit anderen darüber ausgetauscht habe, kann ich durchaus behaupten, dass ich mit dieser Meinung nicht alleine dastehe.
Nun mal zu den letzten Wochen:
Im Dezember war ich acht Tage mit meinem Team in Feyzabad. Was wir da erlebt haben, ist mit dem Lagerleben in Mazar e Sharif in keiner Weise zu vergleichen. Es war zugleich das erste Mal, dass ich überhaupt unser Lager verlassen hatte und dementsprechend aufgeregt und neugierig war ich auch. In Feyzabad selbst ist ebenfalls ein deutsch geführtes, aber viel kleineres Lager. Dort waren wir in einem 20-Mann Zelt untergebracht. Duschen und Toiletten in 200 Meter Entfernung. Nachts war´s so finster, dass man die Hand vor Augen nicht gesehen hat. Ohne Taschenlampe – keine Chance. In den acht Tagen waren wir dann also auch einige Male außerhalb des Camps, hauptsächlich in der Stadt Feyzabad selbst, aber auch in einem Dorf, welches gut 40 Kilometer entfernt war. Dorthin haben wir aufgrund der „hervorragenden“ Straßenverhältnisse erstmal zweieinhalb Stunden gebraucht. Zurück natürlich auch. Dort wurde eine von Deutschland gesponserte Schule eröffnet, was wir für´s afghanische Fernsehen dokumentiert haben. Das ist (für alle, die es vielleicht gar nicht wissen) genau das, was ich hier unten mache: TV Spots für´s afghanische Fernsehen, um somit den Wiederaufbau und die Kooperation zwischen in- und ausländischen Organisationen und staatlichen Einrichtungen zu dokumentieren. Um den Menschen hier zu zeigen, dass wir hier sind, um ihnen zu helfen und nicht um ihr Land zu besetzen.
Apropos Land: Afghanistan selbst ist ein unglaubliches Land. In den ländlichen Regionen ist Mittelalter. Das meine ich so, wie ich es sage! Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser. In den Städten gibt es keine Kanalisation, keine Müllabfuhr, scheinbar kein System. Abwassergräben befinden sich direkt neben der Straße, wo sich auch tonnenweise der Müll auftürmt. Dazwischen spielen Kinder, waschen sich die Leute in den Abwassergräben oder verrichten ihr Geschäft. Ich habe im Vorbeifahren nicht nur einen blanken Hintern gesehen! Die Menschen leben hier in Verhältnissen, in denen uns normalen Mitteleuropäern so ziemlich alles vergehen würde. Aber fast jeder hat ein Handy! Das sind scheinbar unvereinbare Gegensätze.
Mir gegenüber sind die Menschen hier stets freundlich und aufgeschlossen begegnet. Wenn ich Menschen sage, meine ich allerdings ausschließlich die Männer. Denn in dieser Gesellschaft hat die Frau einen klar erkennbar untergeordneten Stellenwert. Gerade in den ländlicheren Gegenden laufen so gut wie alle Frauen komplett in die Burka (eine Art Ganz-Körper-Schleier… meistens blau) verhüllt herum. Nur an ihren Schuhen kann man teilweise erkennen, dass manche offensichtlich doch besser dran sind, als man auf den ersten Blick erwarten würde.
Alles in Allem war Feyzabad das bisher beeindruckendste Erlebnis für mich in Afghanistan. Zwei Tage nachdem wir mit dem Hubschrauber von dort zurückgekehrt sind, war ich dann das erste Mal in Mazar e Sharif selbst. Ich durfte der Eröffnung eines von ISAF neu aufgebauten Krankenhauses beiwohnen. Das war ´ne echt große Sache. Dazu war ich dann gleich erstmal in der Residenz des hier ansässigen Provinzgouverneurs zu Gast (Klar war ich das kleinste Licht, aber wen juckt´s? ;-P). Sehr nobel und kein Vergleich zu irgendetwas, was ich Tage vorher in Feyzabad gesehen habe. Dass alles eher ziemlich unkoordiniert gelaufen ist und dass wir aufgrund falscher bzw. fehlender Informationen von Seiten unserer übergeordneten Führung keine Kamera bei der Pressekonferenz / Übergabezeremonie da hatten, verschweige ich hier an dieser Stelle lieber.
Und dann kamen auch schon die Feiertage. Naja… Ich will mal sagen: leicht war die Zeit nicht gerade für mich! Die Trennung von meiner Familie und den Menschen, die ich wirklich liebe (Kristina und Max, Ihr seid gemeint!), ist mir in diesen Tagen besonders nahe gegangen. Eigentlich habe ich mich die ganze Zeit in meinem Büro eingeschlossen und so oft ich konnte per Telefon oder Skype Kontakt mit der Heimat gehabt. Irgendwie ist die Zeit dann auch rumgegangen und jetzt kann ich den Blick endlich nach vorne richten (71 und der Rest von heute).
Viel mehr gibt es bis hierher nicht zu berichten, obwohl ich wohl noch mehrere Tage schreiben könnte, um alles Erlebte wiederzugeben. Aber das würde zu sehr ins Detail gehen. Ich will nur noch alle, die an mich denken, ganz lieb grüßen.
Ich sag mal: bis bald
Euer Daniel
Halo Daniel, es sind mal wieder sehr informative Bilder- man fühlt sich ins Mittelalter versetzt! Ich finde aber Deine Arbeit , die Du in diesem Land leistest, sehr wichtig und einfach toll. Ich hoffe, wir werden weiter von Dir hören, Deine Berichte sind sehr nahegehend. Weiter so! Liebe Grüsse,Carola
Ja da schliesse ich mich an! Sehr beeindruckende Bilder und ich kann mir garnicht vorstellen, wie extrem die Stories sein muessen, die du zu erzaehlen hast! Trotz "interner Probleme" alles Gute weiterhin und hoffentlich weitere interessante Fotos aus einer Ecke, die viele nur aus den Nachrichten kennen!
Hallo Daniel, Dein Bericht aus Afghanistan ist alleine schon deshalb interessant, weil Du ganz persönlichen Eindrücke von einem Land schilderst, über das sonst nur vor Abstimmungen im Bundestag in den Medien berichtet wird.Ich finde, ihr alle macht da einen guten Job! Auf Deinen nächsten Bericht und neue Fotos von Land und Leuten sind wir schon gespannt.
Dir und allen Deinen Kameraden herzliche Grüße- und kommt alle gesund wieder!
Hey Daniel,durch zufall habe ich deinen Bericht gefunden. Mein Freund ist auch gerade in Afghanistan....Finde deinen Bericht interessant,denn über die Medien erfährt man ja gar nichts. Was ich sehr traurig finde.
Die Fotos finde ich auch sehr interessant,weiter so,ich bin gespannt und werde öfters mal hier reinschauen um auf den laufenden zu bleiben. Lg Kathi
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