Hat sich schonmal jemand gefragt, woher der Begriff „youtube“ kommt? Nein? Ich auch nicht. Bis gerade eben. Laut LEO gibt es zwei Dutzend mögliche Übersetzungen für das englische tube. Eine davon kommt aus dem American English und lautet Glotze. Das ist also die Bedeutung von tube in „youtube“. Neben Eileiter, Tuba, Schlauch und Sonde (alles mögliche Übersetzungen von tube) kann’s eben auch jede mögliche Art von Rohr sein – und schließlich sagt man auch im Deutschen „in die Röhre gucken“.
Die Briten haben dem Wort tube eine weitere Bedeutung geschenkt. Die U-Bahn, weil sie in einer bzw. vielen Röhre(n) fährt. Das ist zwar so, wie wenn man das Auto nicht car sondern road nennen würde, aber es hat ja auch niemand gesagt, dass die Insulaner unbedingt besonders logisch wären. Erst recht nicht im Umfeld der „London Underground“, diesem lebenswichtigen Koronarsystem des Commonwealth-Zentrums.
Spiegel Online hat einmal eine hervorragende Serie über die U-Bahnen der Welt veröffentlicht. Und bereits im Eröffnungsartikel darauf hingewiesen, dass die U-Bahn an sich eine Londoner Erfindung ist – weshalb die Serie „Mind the Gap“ hieß. Denn diese beliebte Ansage in den Haltestellen gehört zum U-Bahn-Fahren in London wie das „Türen schließen selbsttätig“ zum Bahnfahren in Deutschland (ich frage mich übrigens manchmal, ob wirklich noch jemand glaubt, es gäbe Zugtüren, die der Passagier selber schließen muss. Aber bitte...). Es steht auf den Bahnsteigen geschrieben, es hängen Schilder an der Wand und im Bahnhof und in den Zügen sagt die freundliche automatische Ansage (und manchmal auch der Stationsvorsänger) im 10-Sekunden-Takt „Mind the gap“, von Zeit zu Zeit ergänzt durch die Erweiterung „...between the train and the platform“. Die Verkehrsbehörde versucht mit diesem netten Hinweis die Löcher zu überbrücken, die seit 1863 zwischen manchmal ziemlich kurvigen Haltestellen und den immer länger werdenden Waggons entstanden sind. Der Ausspruch ist so prominent, dass man inzwischen an einschlägigen Souvenir-Stalls Schilder, Pins und T-Shirts kaufen kann, die die sympathische Abwandlung „Fuck the gap“ präsentieren.
Die London Tube ist wirklich faszinierend und war für so wichtige Dinge wie den Linienplan Vorreiter für alle anderen Städte der Welt. Allein wenn man sich vorstellt, dass hier 1863 Dampfzüge unter der Erde fuhren und manche Bahnhöfe aus dieser Zeit stammen, bekommt der Geschichts-interessierte Tourist Gänsehaut. Nachteile hat diese Tradition natürlich auch, und vor allem der geplagte Northern-Line-Fahrer kann ein Lied davon singen. Hier entstand 1890 die erste elektrifizierte Strecke und böse Zungen behaupten, sie sei seitdem nie renoviert worden.
So alt die Infrastruktur dort ist, so modern sind die Züge, die ab1992 auf der Mehrzahl der Linien im Einsatz sind. Sie wurden derart stromlinienförmig designt, dass sie zwar einerseits dem Namen „tube“ alle Ehre machen, andererseits aber dazu führen, dass Tausende Passagiere inzwischen einen Buckel bekommen, weil sie gesenkten Hauptes während der Rush Hour an den Wagenwänden kleben, die so rund sind, dass man sich fast bücken muss. Wer an der Tür steht, die auch nach oben abgerundet ist, muss aufpassen, dass er nicht den Kopf eingequetscht bekommt. Andererseits kann man durch eine lockere, geübte Kopfabsenkung beim Türenschließen auch so tun, als ob man ein alter Londoner sei und dieses Unding als etwas ganz normales empfinde.
Wer sich auch sonst in der U-Bahn nicht als Touri outen möchte, sollte außerdem
Wer als High-End-Profi durchgehen will, kann alternativ auch noch im Gespräch mit Wissen über geschlossene Linienabschnitte und aufgegebene Station prahlen.
So viel in der Tube los ist, so unaufgeregt geht alles von Statten. Und in diesem belang ist die U-Bahn ein Abbild Londons: Es ist wuselig, aber unaufgeregt. Alles fließt irgendwie und selbst wenn es die Leute eilig haben, sehen sie nicht gehetzt aus. Es ist eine Großstadt mit der üblichen Anonymität, aber trotzdem sagt man ausführlichst „Oh I’m sorry“, wenn man mit jemandem zusammenstößt (was ja im Trubel durchaus mal leicht passieren kann). Es sagen übrigens gerne beide Parteien „Oh I’m sorry“, vor allem derjenige, der mit schmerzverzerrtem Gesicht daliegt, nachdem er mit üblem Bodycheck zu Boden geschickt wurde. Der Brite entschuldigt sich dafür, dem Rempler im Weg gestanden zu sein.
Diese rudimentären britischen Benimmregeln habe ich mir sofort zu eigen gemacht. Und mich sofort wie ein Londoner gefühlt. Auf den Straßen dieser wunderbaren Stadt genauso wie unter Tage. Wo ich gerne mal stundenlang ziellos umhergefahren und umgestiegen bin um London zu erleben ohne etwas zu sehen...
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In der U-Bahn auf den Rolltreppen sind sie zivilisiert, beim Anstellen an Bushaltestellen auch und überhaupt: Ich frage mich nur, warum das in Deutschland nie funktionieren will - ist doch ganz einfach...
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